Brief an den Herrn Intendanten Thomas BELLUT, ZDF, Mainz

Betrifft: Kommentar zur Sendung „Wutbürger…“ vom 21.5.2015, moderiert von Maybrit ILLNER.

 

Sehr geehrter Herr Intendant des ZDF,

Als langjähriger Seher der Diskussionssendungen mit Maybrit ILLNER, darf ich mir erlauben ein paar Bemerkungen zur letzten Sendung (Wutbürger …vom 21. 5. 2015) zu machen, und darf dies der Einfachheit halber nicht als Essay sondern als Punktation anführen:

  1. Maybrit ILLNER ist eine phantastische Moderatorin und wagt sich zu Recht an jedes Thema heran. In den vielen Jahren, in denen ich sie beobachten konnte, wird sie aber immer mehr zu einer Dompteurin mit spitzem Zeigefinger. Manchmal denke ich, es fehlt ihr nur noch der Kardinalshut um die Befragung zur Inquisition zu machen, die keine Thema vertiefen lässt, außer was sie sich schon vorher dazu ausgesucht hat (ist sie also eine einseitige Medienmacherin, – die Zirkusnummern aus dem Stegreif durchzieht …?) .
  2. Mit dem aggressiven Ton gegen den Parteigründer der AfD Bernd LUCKE, hat sie diesen gleich anfangs so in die Defensive gedrängt, dass er auch mit den Hufen ausschlagen musste, jedenfalls wirkte er nicht mehr „staatstragend“ – wie übrigens niemand in der Runde (Herr TAUBER, Frau FAHIMI, Herr LUCKE, Frau OERTEL, Herr AUGSTEIN).
  3. So ging es dann gut eine halbe Stunde weiter, alle reagierten „giftig“ aufeinander, wie in einem Bazar. Die Beschimpfungen wurden durch hintertückische Unterstellungen, taktische Formulierungen, dann wieder das Wort-im-Mund-verdrehen, geradezu bösartig gegeneinander, aufgeführt… (Hier fiel Frau OERTEL erstmals auf, die als einzige nicht-giftig reagierte, und eher ins Grundsätzlich ging, was aber Frau ILLNER nie aufnahm, sondern sofort in pseudo-demokratische Fragen verwandelte… – Das kann’s doch nicht sein, was Demokratie ausmacht, – oder?)
  4. Erfrischend und auch kompetent war, was der Politologe Albrecht von LUCKE dann vom Sitzplatz aus „zur Bankfrage aufgerufen“ – im Einzelinterview anzubieten hatte. Er kam auf Grundfragen der Zeit und der Demokratie analytisch zu sprechen. Er hat die Debatte merklich vertieft, denn dann wurden tiefere Punkte in der Diskussion sichtbar:
    * Ja, es wird wohl so sein, dass auf die Wahl-Bürger mehr “Komplexität” zukommt – als etwa im 19 Jh. oder gar im Mittelalter oder der Antike
    * und ja, über die Migration kann nur gejammert werden (denn wer will schon, dass alle diejenigen auch kommen, die ins „relative Paradies Europa“ wollen – das werden wohl hunderte Millionen vor allem Afrikaner sein, aber über den heiklen Punkt haben sich alle darüber hinweggeturnt, m.E.n. inklusive dem Politologen … und ja, die sog. “Gutmenschen” haben die Medienhoheit erobert, aber wollen auch nur das Ertrinken im Mittelmeer – soweit geht – “verunmöglichen”, geben aber ihr Dilemma als Grundsatz- oder Systemfrage nicht zu, das eben nur „angetupft“ wurde;  … (aber am Horizont schimmerte durch, dass nicht nur der Neoliberalismus, sondern auch bald die „Parteien-Demokratie“ zur öffentlichen Debatte anstehen könnte)
    * und ja, ganz Europa spricht oberflächlich und öffentlich “pro-amerikanisch”, aber viele im Volk der Wähler denken schon viel differenzierter, und haben auch den Verdacht, dass wir in Europa in eine Konfrontation mit Russland via NATO hineingehetzt werden sollen und nach atlantischem Willen eher TTIP mit den USA abschließen sollten (dass uns dann – im Einzelfall ob wir wollen oder nicht – noch mehr an die USA und ihre Anwaltsfirmen mit vielen hunderten „Lawyers“ bindet, einer USA, die nun schon 3 Generation nach dem Marshallplan angelangt ist, aber für den wir in Europa und besonders in Deutschland immer noch natürlich sehr dankbar sind, und uns auch endlos dankbar zeigen wollen wollen(!))
    * Aber er, der Politologe LUCKE, wand sich dann doch “gutmenschlich” raus…, nur kam hervor, er zeigte dann deutlich „links“ muss eine Politikwissenschaftler unbedingt klingen (vor der Pensionierung), und er zeigte auch an, dass er nach der wortreichen Analyse sich dann doch nicht klar für etwas oder gegen etwas entscheiden könnte. Er hat ja auch nur “Analyse” geübt, und nicht Position beziehen, – oder hab ich ihm Unrecht getan
    * Aber er war eindeutig „für“ etwas, nämlich für die Debatte, und das ist ja schon etwas! …
  5. Kurz, es wurde auch am halbrunden Tisch bei Frau ILLNER im ZDF deutlich, dass die Bevölkerung der potentiellen Wähler in Deutschland und wahrscheinlich in ganz Europa, sehr irritiert ist. Ob das mit Links und Rechts überhaupt noch zu beschreiben oder gar einzufangen ist? (War es nicht kurzsichtig, die Währung als “das” Europäertum hinzustellen, zumal ja viele Fehler in der Strategie des EU-Aufbaus immer wieder zugegeben werden…) Warum geht Frau ILLNER – so intelligent wie sie ist – etwa nie auf die Systemfrage ein, die auch wieder nur Frau OERTEL eingebracht hat, niemand wagte sich auf diese – wahrscheinlich einzig wichtige – Plattform. Und warum wagte auch Herr AUGSTEIN nicht ein systemisches Wort, wo er ja immer so „überlegen wirkt“, als hätte er schon alles durchschaut, und muss sich nur wundern über viele, und nicht nur eine Zeitung machen wie er… Wo er ja mal so mal so schreiben kann, wie er es ja auch eingesteht (etwa zu bereuen, zunächst auf die PEGIDA eingeschlagen zu haben… – aber immerhin).
  6. Kurz, die Diskurs-Kultur geht eher runter als rauf, – finde ich zumindest. Die Moderation wirkt so gehetzt, warum eigentlich (und wozu der Hinweis auf den Markus Lanz danach, das ist unnötig liebedienerisch, das hat der gar nicht nötig) und wieso wirkt die Moderation so gedrillt auf atlantisch, wo wir schon so global sind…? was ja dann auch nach der “Komplexitäts-Klage” meist auch der Weisheit letzter Schluss ist!

Mit den besten Grüßen, von einen Fernseher, der kritisch – aber in Summe sehr dankbar ist, dass es ZDF gibt!

Ihr Herbert Rauch