Demokratie und “Sokratischer Diskurs”

Abstract Herbert Rauch:

Ist der “freie Diskurs”
die letztliche Stütze der Demokratie?

(Woher nimmt eigentlich die Menge[1] der Wählerschaft ihre Überzeugungen?)

 

I. Am Beginn des 21. Jhs. – freie Medien oder „im Griff gezielter Propaganda“?

Der sokratische Diskurs ist das Salz der Erde…

CHURCHILL sagte richtig, dass „die Demokratie die schlechteste aller Regierungsformen ist, – mit Ausnahme aller anderen …”.
Und Demokratie im Informationszeitalter und der Massenmedien kann sie nicht, zwar anders, aber eben auch irgendwie zu allen Zeiten, allzu bald in Verengung und Schieflage kommen?

Was „rettet“ uns in der Demokratie, wenn die Propaganda subtil „über“ uns hinweg und „in“ uns hineinrollt …? Wenn sie das eine verschweigt, vertuscht, das andere ausblendet – lautlos und wie selbstverständlich unter der Flagge des „angeblich vorherrschenden Zeitgeistes“ (den veröffentlichten Selbstverständlichkeiten und seines Establishments)?

Wieso sagen „freie Journalisten“ unter vier Augen: Dieses Thema ist mir zu „heiß“ oder: diese Kritik ist eine „Streubombe“? Wieso lassen so gewiefte Moderatorinnen wie Maybrit ILLNER, Sandra MAISCHBERGER, Barbara STÖCKL, Stars ihres Faches, es durchgehen, dass z.B. die „Wirtschaftswachstumszweifel“ immer wieder weg-geblendet werden: Wenn sie jemand einbringt, wird stur “nicht eingegangen” (Olaf HENKEL, Hannes ANDROSCH u.a. sind Meister darin, und kommen damit durch(!), niemand wagt es einen Faden dieser Art richtig aufzugreifen, auch wenn ein Roger WILLEMSEN ihn einbringt…).

Ein Beobachter von einem anderen „Stern“ könnte zur Meinung gelangen, die herrschende Spezies hier auf diesem Planeten will nur durch Katastrophen „lernen“! Da kann der Generalsekretär der UNO noch so sehr und oft auf die zwei Grundprobleme der Gegenwart hinweisen: Klima und Armut (d.h. globales Ressourcenmanagement und Soziales i.w.S.). Man packt sie einfach nicht wirklich an, denn dazu müssten sie das allein-herrschende sog. neoliberale System der Globalisierung einer ernsthaften Revision unterziehen. Und in der Abwehr der friedlichen Reformversuche packen die „Noch-Nutznießer dieses Systems“ unterschwellig z.B. die „Kommunismus-Keule“ aus und schlagen alle Ansätze tot, die einen weiterreichenden Diskurs ermöglichten. So wird es jedes Jahr „enger“ auf diesem schönen Planeten – für die gesamte Menschheit und ihre Zukunft. Die bärbeißige Verteidigung des Kapitalismus des 20. Jhs. ist also eine große Gefahr für die Generationen des 21. Jhs., die weder Kapitalismus noch Kommunismus wollen.

Aber es gibt noch andere Gefahren, die die Konzentration auf das oben genannte Hauptproblem schwächen, verzögern, und die in sich eine große Gefahr darstellen. MARX hat den Begriff der Klasse, der Produktionsmittel u.ä. zu besonderer Prominenz und Aufmerksamkeit verholfen, zu Recht in der Kritik seiner Zeit und von genereller Bedeutung. Nun aber verdienen in einer globalisierten Welt angelangt einige weitere Begriffe besondere Aufmerksamkeit und analytische Bedeutung: „Milieu“[2] ist ein solcher, „Gesellschaftsdynamik“ ist ein solcher. Mit den nun über 150 Jahre alten Konzepten ist dem nicht beizukommen und ein „Verstehen“ ist Voraussetzung für Handeln, Gestalten, Transformieren, neuen Herausforderungen begegnen, in neue Epochen mit neuen Paradigmen einsteigen, ohne den „Sinn“ dem „Wahn“ zu opfern.

Es ist nämlich möglich in ein Milieu hineinzuschlittern, einzutauchen und sodann die gesamte Welt nur mehr unter den „im Milieu“ Augenblick für Augenblick sich einseitig verstärkenden Wahrnehmungspfeilern (wir – die anderen; unsere Sicht – die andere falsche Sicht) zu sehen. Unter Milieu wurde von der bürgerlichen Welt (die in Europa noch immer mehrheitlich als die „Normal-Welt“ erlebt wird) zunächst die „Rotlicht-Unterwelt“ verstanden. Nun muss man wohl immer mehr auch die sog. „No-Go-areas“ in Großbritannien, in Schweden[3], in Nordamerika, darunter verstehen Und es werden unter „Milieu“ auch immer mehr sektenartige Organisationen, wie Scientology, oder auch Meditations-Clubs verstanden. In den 1970 Jahren konnten auch Hippie-Kommunen wie die Kommune 1 oder die Mühl-Kommune u.ä. darunter eingereiht werden. Die meisten dieser „Milieus“ hielten sich aber an die Strukturen des marktwirtschaftlichen Rechtsstaates und konnten so – eher als „Sonderlichkeiten“ gesehen – innerhalb aller OECD-Staaten gut überleben (immer noch mit einem Bein im Zivilisationsbereich verankert).

Nun aber sind „Milieu-Effekte“ seit einigen Jahren auch bei den extremen Linken („Progressivisten“) und den extremen „Religiosen“ (Islamisten) aufgetreten. Erstere halten sich wohl an den Rechtsstaat, sind aber immer weniger diskurs-bereit, die Basis der Argumentation weicht immer mehr einer dogmatischen Haltung (also pseudo-religiös). Und extreme Muslime sind – nun überdeutlich in der Neugründung „Islamischer Staat“ (IS) – so offensichtlich „gegenzivilisatorisch“ brutal geworden, als wollten sie ausdrücklich provokativ gegenüber den wirklich Mächtigen von diesen endlich zur Ordnung „gerufen“ werden, auch wenn es mit (tödlicher) Gewalt sein muss. Wollen sie so die Grenzen von Toleranz und Intoleranz aufzeigen, die ihnen die westlichen Staaten bisher verschleierten und in einer für alle, auch medial, nachgebeteten Lebenslüge („der Grenzenlosigkeit“) vorenthalten haben? Wer soll für Regeln sorgen? Denn

die Erde hat Grenzen,

die Ressourcen haben Grenzen,

die Freiheit hat Grenzen (bemerkbar spätestens am Zaun bzw. Zorn des Nachbarn),

die Gleichheit hat Grenzen (bemerkbar spätestens wenn alle gleich denken müssen, um nicht schlecht aufzufallen oder gar im Gulag zu landen)

die Brüderlichkeit hat Grenzen (bemerkbar spätestens wenn es um die Toleranz „gewalthafter“ Intoleranz geht).

 Für Argumentation ist jedenfalls kein Platz bei den Islamisten, da sind die Grenzen sehr eng. Eine bürgerliche „Normal“-Sicht[4] kann gar nicht glauben, was man nun in den Nachrichten sieht: Drohfinger und Bomben markieren die Verachtung fremden, ja auch eigenen Lebens gegenüber, auch ein kleiner Teil der westlichen Jugend stellt sich so in einer eigenartigen Parallelwelt dar, die andere Sichten gar nicht dulden will…

Mit Riesenschritten geht es dabei zurück – vor die Französische Revolution, vor die neuzeitliche Wende der Renaissance, ja selbst vor ein zeitweise tolerantes Mittelalter. Es wirkt ein wenig wie der pubertäre Protest gegen die weltweit korrupt und dekadent gewordenen Eltern – in Gestalt der Regierenden und ihrer Entourage in der globalisierten Welt. Zucht und Ordnung als selbstgewählte oder vorgegaukelte Institutionalisierung eines Gottesstaates mischen sich mit Selbstdarstellungen und einem Mix nachahmender Videowelten und jenseits-gläubiger Inszenierungen (sie wollen sich vielleicht gegen die Korruption und den überbordenden Hochmut von „Establishment-Schichten“ wenden, muten aber oft wie dessen psychodramatische Spiegelung an): So etwa könnte ein überdrehter aber berechnender Regisseur Horrorfilme inszenieren, lässt dabei Laienschauspieler ihre Fantasien ausleben, und ruft ihnen zu: „Film ab“. …

Wir haben im 21. Jh. keinen Raum mehr für Kriege – Gottseidank. Wohin also (einmal abgesehen von den vielen und immer neuen Waffen) mit der Aggressivität unerfüllter junger Leute (unleugbar präsent durch plumpe Banden- oder Waffenspiele oder auch der subtilen Intriganz von Netzwerken). Zumal wo es Jungmänner-Überschuss gibt, deutlich in China und Indien und auch alte Traditionen immer mehr weggespült zu werden scheinen, u.a. von einer globalisierten Sex-and-Crime-Unterhaltungsindustrie. Junge Männer, die im „normalen Gesellschaftssystem“ nur mehr als Verlierer dastehen und so immer mehr Wut bei sich ansammeln, die man aber nie zeigen darf (dies wäre ja „un-cool“ und ein Eingeständnis von „Verlierer-sein“). Und Gemeinschaften hat diese Gesellschaft schon länger abgeschafft… Es gibt einfach keine Gemeinschaften im Neoliberalismus, wieso auch: Du bist als Einzelner Gewinner oder Verlierer und kannst Dich „individuell“ hocharbeiten (mit welchen Tricks auch immer). Im Westen lösen sich sogar schon die Familien auf. Die Nationen werden für die Masse der Einwohner vor allem noch sichtbar anlässlich von Fußball- und andere Sport-“Events“. Wehrpflichten hat man eben aufgelöst, aber Ersatzdienste – notwendig wäre ein Katastrophendienst allemal – wurden nicht eingerichtet. Gutverdienenden Bürger, die nie bei den Samaritern oder der Freiwilligen Feuerwehr waren, reden sich als „Wirtschaftstreibende“ gerne auf die vielen „Ehrenamtlichen“ aus, die das ja gern machten. (Damit dann die Angehörigen ihrer Familien gleich „ins Verdienen“ kommen.) Warum wundern sie sich also jetzt, dass sich „andere Gemeinschaften“ bilden, die dann aber auch gleich ihren Kopf und ihren ganzen Staat fordern – für einen neuen Gott (eben nicht „Gott-Geld“).

So ist das „Zünglein an der Waage“ der Gesellschaftsdynamik bei „global quer-existierenden Sozialschichten“ angelangt, einer Mischung aus den „MARXschen Klassen“ und den „religiösen Milieus“ oft unter Überspringung aller Nationalgrenzen: Nicht die Nationen sind für diese Jugend „satisfaktions-fähig“ oder gar -bereit, sondern die „Milieus“: Die Gesellschaften bekommen nun auch eine Jugend, die mit dieser monetären „Gewinn-Verlier“-Gesellschaft nichts mehr zu tun haben will, aber mangels Gegenentwürfen, denen ja die kommerzialisierte Medienlandschaft keine Breitenwirkung zukommen lässt, u.U. bei sehr sehr alten Traditionen landen!

 

II. Das Erwachen des Bewusstseins – und die Sehnsucht nach der „Weltformel des perfekten Heils“

Müssen wir also nicht anders an das 21. Jh. herangehen, in dem wir z.B. viel weiter ausholen, auch wenn wir viele unserer zivilisatorischen Strukturen den BISMARCKschen Reformen, dem 19. Jh. insgesamt, der französischen Revolution und ja der Antike und dem römischen „ius“ … verdanken. Seit wann haben wir denn mit einem individuellen Bewusstsein zu rechnen, dass man eben auch massiv irritieren kann …? Müssen wir hier bis auf das „Erwachen“ eines geschärften Bewusstseins zurückgehen, das spätestens etwa vor 10TS Jahren (neolithische Revolution), aber vielleicht schon früher vor 30-40TS Jahren (Höhlenmalereien) in die Geschichte unserer Spezies trat. Trat so diese Spezies eine vom „Dschungel“ der Tierwelt immer mehr abweichende Entwicklung an. („Im Dschungel“ war diese Spezies noch irgendwie „unschuldig“ im Durchleben der eigenen Instinkte, war geflohen, hatte gezeugt und getötet.) Aber, das Bewusstsein begann sich dann rasant schnell immer mehr in die Vergangenheit (die Ahnenreihe) und in die Zukunft (die Folgegenerationen) einzumischen, begann seine Reichweite auszudehnen. Auch kamen die „Erdlinge“ dabei – wahrscheinlich zeitgleich – verstärkt zu einem Bewusstsein ihres „Selbst“. Das „Individuum“war geboren. Erstaunlich, wo doch die vielen mit hunderten anderen Pflanzen im Dschungel verschlungenen Bäume kaum als „individuell-separierte Pflanzen“ erlebt wurden; diese blieben wohl Teil des Dschungels, Teil des Deltas oder der Region …, aber der Mensch war plötzlich „Einzelwesen“.

Konnten also die Erdlinge seit gar nicht so langer Zeit dann tatsächlich in die Zukunft vorausdenken, so hatten bald auch die Ehrgeizigsten unter ihnen den Wunsch diese Zukunft immer besser, immer „heil-voller“ für sich und die ihren (Familie, Stamm …) zu gestalten. Es kamen also „Heils-Fantasien“ auf mit immer größeren Dimensionen: Im Namen einer großartigen Heils-Fantasie konnten ihre Protagonisten sodann auch von den gerade lebenden Menschen „letzte Opfer“ dafür verlangen. Und diese Opfereinforderungen muss man – aus der Entfernung – gar nicht als Perfidie der jeweils Regierenden sehen, nicht nur deren Eroberungssucht oder Machterhaltungsgier zuschreiben, um sie verstehen zu können: Womöglich meinten sie es – neben allem Selbstbezug – einfach nur „allzu gut“. Jedenfalls ging bald – praktisch immer – vieles schief! (Und viele der sich nun ohnmächtig wähnenden Bürger meinten danach immer wieder, sie würden es besser gemacht haben, ihnen wäre so etwas nicht passiert … sie hätten damals halt passiv „mitgelebt“ mit ihrer Zeit, – und wären somit „außer Obligo“…).

Immer wieder traten neue Eiferer auf und forcierten ihre Ideologien, um die gegebene Kultur zu korrigieren. Natürlich jeweilsnach ihren fantastischen Vorstellungen, denn dann – so waren sie überzeugt – werde das Heil für viele oder für alle kommen, einfach segensreich „Platz greifen“. Kurz, wir Erdlinge und unsere Heils-Fantasien trieben uns mit Macht von Entwicklung zu Entwicklung – „atemlos“ könnte es von weitem aussehen!

Diese Entwicklungen zu einem „umfassenderen“ Bewusstsein (man muss es ja gar nicht immer als „höheres“ begreifen), lässt die jeweils neuen Eliten[5] (auch wenn sie noch nicht im Establishment angelangt sind) meinen, sie wären „die(!) Verbesserung, evtl. gar die „allerletzte Verbesserung“. Und dafür lohnte es sich noch einmal „zuzuschlagen“, evtl. sich sogar zu überwinden, um „was Großes“ zu tun. So konnten jeweils viele der biedersten und auch der intelligentesten einer Generation an irgendeiner Stelle (der Psyche oder der sozialen Hierarchie) eingefangen oder zumindest gefügig gemacht werden.

Zudem finden sich in unserer ehrgeizigen Spezies sogar welche, die wollten wirklich den gesamten ihnen bekannten Erdball „untertan“ machen – des Friedens und der Hohen-Kultur willen. Und sie fanden auch immer einige Heißsporne, die sich gerne – besonders um einer „numinosen[6] Ideologie“ willen – in solch ein Schicksal fallen ließen. Sie verehrten das „Groß-gedachte“, konnten es so auch einmal „berühren“, selbst ohne es richtig zu erfassen. So war ja auch plötzlich mit einem „Klacks“ alles erklärt, jede Handlung gerechtfertigt, das Gewissen beruhigt, und einem „harten Durchgreifen“ endlich Tür und Tor geöffnet.

Wahrscheinlich kam derartiges in der Geschichte des menschlichen Bewusstseins schon vor dem „neolithischen Erwachen“ öfter vor – in der vormaligen langen Epoche der Magie. Aber danach jedenfalls kam die rasante Entwicklung der jeweils „hervorgebrachten Kultur“. Mit der Kultur (im Gegensatz zur Natur, der man sich ja zuvor magisch ausgeliefert fühlte) war man nun auch „selbstbestimmter“ (natürlich mehr in den jeweiligen Eliten als allgemein). Es begann als Kultur der „bewussten und gezielten Pflege“ der Landwirtschaft, der Hauswirtschaft und aller anderen Gesellschaftsbereiche, und erkühnte sich bald zu einer Kultur, die vermeintlich „alles“ gestalten könnte: Und nun sind wir Erdlinge schon dabei auch die menschliche Psyche, die Art des Verhaltens, „zu modulieren, zu modellieren“…

Aber bald musste man dabei auch bemerken, dass man damit nicht mehr so „unschuldig“ war an seinem Schicksal (wie etwa die instinktgesteuerten Dschungelbewohner des Planeten). Die Menschen waren nun eben immer mehr Irrtümern und gesellschaftlichen Schieflagen ausgesetzt. (Das konnte man besonderes im Nachhinein gut sehen! Die Neulinge hielten es dann den „Böslingen“ der Vorphase auch immer ordentlich vor.) Opfer, oft furchtbarer Ereignisse, gab es immer mehr. Einmal gelang es einem „Wahn“ fast ein ganzes Volk auszulöschen – wie auf der Osterinsel im Pazifik: kaum verständlich angesichts der Offensichtlichkeit der raschen Ressourcenschrumpfung (dort bzgl. der Bäume). Aber evtl. wieder doch verständlich, wenn man im Informationszeitalter dies für die gesamte Erde (naturwissenschaftlich vermessen als „Ökologischer Fußabdruck“) nun zu wiederholen scheint.

Aus der Perspektive jeweils späterer Historiker – zumal solcher, die bereits eine „Declaration of Human Rights“ kannten – können solche Irrtümer und Schieflagen auch als „Verbrechen“, als große Verbrechen gesehen werden (die sie ja meist auch waren oder zumindest im Laufe der „Machterhaltung“ wurden, nicht nur die Traumata der Weltkriege des 20. Jhs., sondern z.B. auch Frankreichs und Englands interne Kämpfe ums Königtum, die Geschichte der Reiche, der Päpste, der „Kolonien“ – vor und nach der Einmischung der Europäer u.v.ä.m.).

Kurz, eine „neue Kultur“ – zunächst im Gewand einer neuen Ideologie – maßte sich oft an, nun endlich(!) die (erträumte) Perfektion von menschlichem Zusammenleben, von menschlicher Ordnung als Gesellschaft zu erschaffen: Endlich, die perfekte Welt – geschaffen von Männern und Frauen mit Tatkraft und Mut und dem Sinn für „Großes“…

Aber: Es gelingt nie – oft schon sind Irrtümer und Fehleinschätzungen sehr bald zu erkennen, dennoch werden sie als „fixe Ideen“ – dann eben aus „Charakterstärke“ (oder systemkonformer Karrieresucht) durchgezogen (Inzestuöse erbliche Herrschaftshäuser, AKWs, unbegrenzte Eigentumstitel, Giftdünger usw.).

Von einem „Bescheiden mit Einfachem“ (einer notwendigen, weil evolutionsbedingten Imperfektion) wollen Heißsporne nie wissen. Es ist ihnen nicht radikal genug. Sie lieben zunächst die „harte Kante“, das „Ganz oder Garnicht“. Es genügt ihnen selten, die Welt auch „nur“ lebenswert zu machen, zumal dort, wo es naheliegt und der Hausverstand genügte (und nicht das große „numinose“ Spiel um eine Ideologie des Himmels und der Erde bemüht werden müsste). Warum eigentlich? Kann sich nur im „unglaublich Großen“ der Kleine auch einmal groß fühlen? Die Ernüchterung folgt jedenfalls dann über kurz oder lang. Aber bis dahin haben schon viele unter solchen Monster-Ideologien und ihrem Zusammenbruch gelitten… Und nur zu bald beginnt jeweils wieder einer neuer Zyklus von Geschichte. (Ob wir nun aus planetarischer Begrenzung am Ende solcher Zyklenreisen angekommen sind?)

Die seit dem Beginn der Neuzeit immer mehr „befreiten Bürger“ (als mit immer mehr Anteilen an Souveränität) waren oft auch zu desinteressiert an der politischen Welt – z.B. auch in den 1930ern: zu einseitig informiert im Radiozeitalter, zu müde des Streites zwischen Feudalismus und Republikanismus, zwischen den Gewerkschaften, die zum Kommunismus neigten und den Bürgerlichen, die in ihrer Denke oft weit ausholten bis in die Antike. – Die Ordnung von Gemeinwohl[7] und persönlicher Freiheit kam wieder einmal aus der Balance… mit gewaltigen Folgen. Und heute? Heute[8] lenken Unterhaltung, Kleinpragmatismus und Regionalkonflikte von den großen ungelösten Problemen erfolgreich ab…

 

III. Der “Westen” mit viel Freizeit und steigender Unruhe – und die neuaufkommenden Fundamentalisten im 21. Jh.

 

Die Zeitungen melden (2015) seit einer Dekade immer mehr Unruhe-Ereignisse, – selbst aus “normalen” bürgerlichen Bevölkerungsteilen“. In Flugzeugen z.B. randalieren immer mehr Menschen über Kleinigkeiten am Sitzplatz, Radfahrer und Fußgänger treffen in einer nicht-wohlwollenden Haltung auf den Gehsteigen aufeinander, Autofahrer gehen miteinander respektlos um, Verbrechen aller Art werden brutaler und absonderlicher … – Sind das alles noch unbedeutende[9] Kleinigkeiten?

Sehen wir ferner in den Nahen Osten und die besonders in Europa Besorgnis auslösenden Geschehnisse rund um den „sog. Islamischen Staat (IS)“. Beiträge syrischer und irakischer Journalistinnen[10] dazu – selbst wenn sie offensichtlich schon sehr entdramatisiert dargestellt wurden – müssen doch folgende Punkte betonen:

  • Einer der wichtigsten Faktoren in dem dortigen vielfältigem Motivations-Gemenge, das den so heftig und brutal ausbrechenden Konflikt „im Raum Mesopotamiens“ ausmacht, ist die weltweit ins Wanken gekommene „Dominanz der Männlichen Rollen“. Diese haben ja im Orient eine besonders lange und festgefahrene Tradition. Diese Rollen werden nun von immer mehr engagierten Angehörigen der jüngeren Generation – oft gegen den Willen der Eltern – in Frage gestellt: Menschenrechte und insbesondere Frauenrechte sollen – und werden vermutlich – sich immer mehr ausweiten.
  • Etwa 15.000 islamistische einheimische Kämpfer werden bei der IS vermutet, etwa ebenso viele kommen aus einem – vor allem „westlichen“ – Ausland. (Sie werden vor Ort nicht so ernst genommen wie in Europa – offenbar weil es im westlichen TV „mehr hergibt“ davon Abenteuerliches oder Grauenhaftes zu berichten). Der Hype um die „ISIS“ – ob Kalifat oder Bewegung – könnte so auch in der Darstellung mehr eine westliche Mediensache sein, sagen einige. Oder, wie andere sagen, der Beginn einer weltweiten (Pakistan, Bangladesh, Indonesien, …) Erhebung gegen den Konsumkapitalismus im Namen eines anderen „Gottes“; ein „Clash of Cultures“ also doch.
  • Jedenfalls muss man „insgesamt im Nahost-Raum von einer Revolution“ sprechen (sagen die syrischen-irakischen Journalistinnen), denn es ist dort zu so viel Chaos gekommen, dass es nachher(!) nie mehr so sein wird wie zuvor. Man könnte pauschalierend sagen, etwas Ähnliches wie 1968 in Europa findet nun im Arabischen Raum „auf Arabisch“ statt: Die alten Autoritäten wanken – welches die neuen Strukturen sein werden, ist noch unklar.

Man darf sich fragen, ob es dieselbe Quelle gesamtgesellschaftlicher, ja weltweiter Unruhe ist, die nun von der steigenden Kriminalität im „Westen“ (in Mitteleuropa allerdings nicht der Anzahl sondern der Qualität nach) bis zu den absonderlichen Brutalitäten im Nahen Osten reicht. Sind die anreisenden Fundamentalisten aus westlichen Staaten in ihrem Kern nur wenige verhärmte Männer(?), die wie Hooligans einen Kick aus ihrer Rolle beziehen, wiewohl sie sich auch selbst besonders gefährden? Oder bestehen diese Bewegungen nur aus den vielfältigen „sozialen Scherben“ des Irak-Krieges, der ein Regime (Saddam HUSSEIN) zerschlagen hat, aber nichts Haltbares hinterlassen konnte?… Oder geht dort etwa manifest vor sich, was latent vielerorts vorhanden ist, sich bereits „zusammengebraut“ hat?

„Unruhen verschiedensten Kalibers“ sind also gleichzeitig weltweit spürbar. Wo die Medien den Fokus hinlenken, werden die Konflikte weltweit verfolgt, wo diese weg-blenden[11], „gibt es sie nicht“! Wieso eigentlich treten solche Unruhe-Phänomene in der gesamten globalisierten Welt nun derart deutlich inszeniert auf? Könnte die Erklärung – oder ein Teil der Erklärung – dafür in der „Sinngrenze des Produktivismus“ liegen? Denn auch der steigende Konsum eines erheblichen Teiles der Bevölkerung überall (nun immer mehr auch in sogenannten Schwellenländern) führt nicht zu einer echten individuellen und sozialen Befriedigung. Oft im Gegenteil! Eine gewisse Schicht von Menschen kann überall mit dem durch die hohe Produktivität der Technologie ermöglichten „Güter-Kaufen“ und „Freizeit-Haben“ wenig anfangen, ja – evtl. zunehmend mit der Verfügbarkeit – immer weniger(!) damit anfangen. (Wohl gibt es Leute, die diese Zeit für mehr oder weniger großartige Hobbys verwenden, vom Extremsport bis zum Amateurkünstlertum aller Art. Aber viele könnenmit viel Freizeit gar nichts Besonderes anfangen.) In einer individualisierten neoliberalen Gesellschaft bewirkt viel mehr Freizeit sogar noch mehr „Verlierer-Erlebnisse“. Es wird dies also zu einer Quelle des Erlebens, dass man als Einzelner eben überall kaum gefragt ist, kaum beliebt ist, kaum gesucht oder aufgenommen wird. Viele werden sich also ihres „Verlierertums“ – nicht nur beruflich sondern nun auch privat – in einer auf WIN-WIN ausgerichteten Gesellschaft mit sog. „work-life-balance“ immer deutlicher bewusst.

Ein Extremismus, der auch viel Einsatz fordert, ist dann tatsächlich ein psycho- und sozio-“logischer“ Ausweg. Und in einer ideologisch erwünschten Brutalität kann sodann auch die Wut über diese Gesellschaft – die man ebensowenig verstehen kann wie sein eigenes Schicksal – herausgelassen werden: Gegen eine Konsum-Gesellschaft, die weltweit kaum Sinn erkennen lässt (auch Millionär zu werden, um noch mehr zu konsumieren, und evtl. damit erschmeichelte Anerkennung zu bekommen, ist selten eine (Er-)Lösung).

In unserem weltweit vorherrschenden System, das ja durch die Filmindustrie und die IT-Technologie als selbstverständliche Lebensauffassung bis in den letzten Winkel menschlicher Siedlungen transportiert wird, ist also für viele nun nirgendwo Anerkennung einzuholen. (Außer man bringt eine Olympiamedaille oder ähnliches nach Hause. Aber auch davon gibt es jeweils nur drei. Schon der 4. Platz wird allgemein und offiziell als „Blech“ bezeichnet.) Zudem haben viele Menschen auch eine lieblose und mit sich selbst unzufriedene Eltern- und Großelternschaft erlebt. (Falls man überhaupt Familie erlebt hat, und nicht nur – wie im Westen oft – eine überforderte alleinerziehende Mutter, die selbst zu wenig Liebe, Anerkennung, Geborgenheit und Wärme bekommen hatte.) Denn entgegen allen Hoffnungen, ist die Familienmisere mit steigendem Wohlstand ebenfalls gestiegen. (Unbegrenzte Emanzipation schwebte vielen vor und erzeugt nun immer mehr „krankmachende Aspekte sozialer Atomisierung“.)

Ist also „individuelle Freiheit“ eben auch eine Zumutung? „Gefühlt“ ist demgegenüber z.B. der Islam als „Hingabe an Gott“ (also in praxi an Regeln in einer Art numinoser Verbundenheit mit Erde und Himmel) eine „zunächst großartig anmutende“ Alternative zum Konsumkapitalismus. Mögen auch dessen Regeln im 21. Jh. eigenartig erscheinen, das Gefühl ist dennoch eines der Geborgenheit und der Herausgehobenheit aus der Verantwortung der „Selbst-Kultur“[12].

Wie also reagieren? Hat sich der „Westen“ mit der Zeit zu große Hemmschuhe angezogen, die ihn nun unfähig machen zu reagieren? Etwa:

 

1. Die These von der „unbegrenzten Gleichheit“ aller Menschen, und zwar nicht nur auf das Rechtliche, die Gleichheit vor dem Gesetz bezogen, sondern sehr allgemein gemeint.

2. Und die These vom „unbegrenztem Eigentum“ als Voraussetzung der persönlichen Freiheit, die keine Diskussion darüber zulässt (und immer noch die Mittelschicht mit falschen Enteignungsängsten in das Lager unbegrenzten aber tödlichen Rendite-Reichtums zu ziehen vermag).

Beides sind zunächst humanitär gedachte aber nun dogmenhaft gewordene politische Forderungen, die im 21. Jh. nicht mehr nützlich sind. Es sind „Keulen“ geworden, die die Menschheit – befördert durch die freie Droge „Unterhaltung“ – von der Demokratie weg in ein großes Dilemma schlittern lassen. Wenn man hier ein wenig nachdenkt, fragt man sich bald, wieso ruft dazu eigentlich niemand laut nach Differenzierung!

 

IV. Was ist „glaubhaft“ für Demokraten – wenn sie wählen?

 

Woher kommt politisches Vertrauen? … Wieso wählt ein Volk, die Bevölkerung eines „wahl-souveränen“ Staates – nehmen wir eine halbwegs funktionierende Demokratie an – eine Person zum Präsidenten, eine Partei mit ihrem Programm und ihren Kandidaten an die Spitze…? Wieso kommen ein Konzept, ein Diskurs „an“, und andere nicht? Wieso gilt das eine als Verschwörung von Paranoikern, das andere als kluge Darstellung … Wieso also genießt das eine das Vertrauen vieler Bürger, anderes nicht? Woher nehmen die wählenden Bürger ihre Ansichten (wenn sie dazu als Person im Zugang zu Information frei genug sind …) Wie nehmen sie Maß, was gilt als normal, was als abnormal, was als menschlich, was als unmenschlich, was als gerecht, was als ungerecht und wer „eben dieses Gerechte“ mehr vertritt als andere …

Europa behauptet, und m.E.n. im Informationszeitalter zurecht: Im freien Diskurs besteht die derzeit denkbar beste Chance, dass die Menschen in der Demokratie auf ein „vernünftiges Maß“ kommen, mit Versuch und Irrtum, mit „Bauchgefühlen bei vielen“… Wie können sie aber einen gemeinsamen Maßstab legen über ganz grundlegende Agenden der „Gerechtigkeit[13]im Hier und Heute“. Diesen Maßstab einigermaßen allgemeingültig zu finden und herauszufiltern erfordert nämlich eine nicht zu unterschätzende Organisationsleistung (Parlamente versuchen das, indem sie z.B. auch das Spiel von Regierung und Opposition akzeptieren. Es setzt allerdings einen Grundkonsens voraus). Spätestens nach der Jahrtausendwende aber ist unser Nachkriegsgrundkonsens (nehmen wir wieder die weltweit doch tonangebenden OECD-Staaten in den Blick) veraltet. Wir brauchen dringend einen neuen und diesmal schon global-zeitgemäßen Grundkonsens: Regenerativität liegt dafür eigentlich auf der Hand (– statt dem veralteten Wiederaufbau-Wirtschaftswachstum)!

Im freien Diskurs gibt es den Widerspruch auch gegen die „herrschende Meinung“, es gibt das Gegenargument, die andere Darstellung, und dem wird grundsätzlich Raum und Respekt gegeben. Ob letztere angemessen genug sind bleibt offen, das muss evtl. erkämpft werden. Und irgendwann wird eine Entscheidung gesucht (heute wird meist formell oder informell abgestimmt). Dann, wenn dies auf regierungsrelevanter Ebene geschieht, wird so schließlich auch die Medienlandschaft verändert, werden Intendanten ausgetauscht, die wieder andere Redakteure und Moderatoren einsetzen, usw… (Wir sind somit wieder bei der Eingangs-Forderung gegen die Einseitigkeit von Propaganda angelangt!)

So jedenfalls könnten auch neue Personen und Gesichter zu Meinungssetzern werden, also Personen, die wieder eine Zeit lang viel Vertrauen genießen, weil sie die Medien verkörpern und vice versa. Damit sind wir aber bei den Instrumenten des Zeitgeistes angelangt. Im Informationszeitalter wird man sehen, wie sehr die „Internet-Initiativen“ hier korrigierend oder nachbessernd wirken können. Werden diese digitalen Nischen breit genug werden und ausreichend langen Atem haben? Und welche Nischen? Sind diese ihrer Art nach geeignet Gesellschaften voranzubringen zu einem Leben mit gerechteren Regimen (wird der freie Diskurs genauerer Argumente sich durchsetzen oder abwechselnd sog. „Likes“ und „Shitstorms“ die Szene beherrschen?) Wie kann man also die Stärken und die Schwächen der Instrumente auf ihre Plätze verweisen: Denn Demokratie heißt im entscheidenden Moment auch „Umgang mit sehr großen Wählermengen“.

Was nun festzuhalten bleibt, ist m.E.n. schließlich, wenn wir alle Faktoren der Zeit und des Zeitgeistes die medialen und nicht-medialen Einflussfaktoren in jedem Einzelfall der Geschichte „durchgenommen“ und bedacht haben, was übrigbleibt, ist eine Art „Naturrecht“ (wie etwa Johannes MESSNER[14] für das 20. Jh. es beschreiben hat)… Denn woher nahmen und nehmen die Denker vor und nach SOKRATES ihre Ideen, ihre Ansichten, ihre Ethiksätze… (z.B. auch am Beginn der Neuzeit ein Martin LUTHER, und vor nicht so langer Zeit ein Martin-Luther KING und alle anderen „Neuerer“). Woher auch nähmen sie ihre Wut und den historisch wirksamen Ausdruck dafür und wieso „kommen sie an“? – Woher sonst, als von einem intrinsischen[15] Kern, den man inhaltlich eben grob als „naturrechtlich“ bezeichnen kann, und um den alle Einflusskräfte sich bemühen müssen (nie reichen bloße Kanonen auf längere Zeit) …

Dieses „Gerechtigkeitsgefühl“ ist eben letztlich in der Natur des Menschen gegeben (also primär etwa seine Nachkommenschaft beschützen zu wollen, sein Haus, dann auch seine Werkstatt, seine Arbeit oder Beschäftigung u.a.m. – und also auch das Regime zu unterstützen, das diese seine Sicht am ehesten gewährt). Natürlich, sofern er eine Stimme hat und eben kein unterworfener Leibeigener – welcher juristischen Form auch immer – ist (… und selbst dann ist ein „Spartakus“ nicht ausgeschlossen). Sicher wird alles „naturrechliche Erleben“ den einzelnen Epochen entsprechend abgewandelt. Doch es bleibt ein Kern über alle überblickbaren Epochen hinweg, der der „Natur“ des Menschen entspricht, und der also nicht(!) „kulturell beliebig abwandelbar“ ist.[16]

KELSEN – obwohl genialer österreichischer Verfassungsschmied – und alle Rechtspositivisten haben also nicht recht, ebenso wenig wie auch die gesamte „Sozialwissenschaft“[17] im Gefolge der „historischen Anthropologie“, die postulieren will, dass alles „kulturell wandelbar“ wäre. Und sie also mit ihren jeweiligen – also heute post- oder neomarxistischen, oder auch schon post-modernistischen – Vorstellungen die Gesellschaft „nach ihrem Ebenbilde korrigieren“ und sich so über „die Natur des Menschen“ (die ja von der „evolutions- und biologisch-orientierten Anthropologie“ erforscht wird: TINBERGEN; LORENZ, EIBL-EIBESFELD, IMMELMANN u.v.a.) erheben könnten. Dies stimmt eben nicht und ist vielmehr eine Quelle von „viel gut Gemeintem“ aber „nicht gut Bekommenden“. … PLATON und VERDROSS u.v.a. …haben also viel mehr recht, haben es besser „getroffen“ (besser, denn niemand hat (oder kann haben) „die“ wahre sprachliche Abbildung von „Gerecht“ in einer endgültig-kristallinen Form) …

Hier vertrete ich also folgende Thesen zur Demokratie im Informationszeitalter:

  1. Mehrheiten (in halbwegs funktionierenden Demokratien, Wahlfälschung ist Diktatur und hier außer Betracht) orientieren sich – früher oder später sich durchsetzend – im Vertrauen auf eine „soziale Grundlinie“(die jeweils einem zeitgemäßen „Naturrecht“ entspricht).
  2. Die politischen Meinungen beruhen auf der „intrinsischen Tendenz / Streben“ jedes Einzelnen und jeder Gesellschaft nach „Gerechtigkeit“ (= der sozialen Grundorientierung schlechthin). … Und eben Freiheit und auch Gleichheit sind nicht(!) oberste Maxime, die ja auch dahin tendieren sich gegenseitig auszuhebeln. D.h. wir müssen die Rechtsphilosophie wieder neu zu Rate ziehen für eine neue Epoche, und können nicht mit dem unreflektierten Slogan der französischen Revolution alleine ins 21. Jh. „stapfen“ und uns schon gerechtfertigt wähnen… Unbegrenzte Freiheit heißt auch unbegrenztes Spiel der Rendite u.ä., und das zerstört die Lebensbasen am Planeten, unbegrenzte Gleichheit heißt auch eine Art Uniformierung auf allen Gebieten – vom Einkommen über die Leistung bis zu den Kreativitätsräumen, die einer Pseudo-Solidarität geopfert werden und bald alle „unwohl“ sein lassen (zudem zerstört es unser Innovationspotential, das ja nicht nur stur stofflich-expansiv gedacht werden muss, sondern vielmehr in alle, auch nicht-materielle und nicht-expansive – Richtungen gehen kann und wird.)
  3. So wird das, was als „gerecht“ empfunden wird, letztlich auch historisch wirksam. Die realen Abläufe „schlingern“ allerdings um diese Grundlinie. Ungerechte Herrschaft wird früher oder später ihre Robin-Hoods finden. (Am Wege dahin kann aber unnötiges Leid und Elend liegen, und je mehr so, je weniger die „Balance der Vernunft“ sich zu Wort meldet. Je mehr den „Heilsfantasien“ der totalitären Perfektionisten Raum gelassen wird. Dies führt zu einer krassen historischen Spur mit noch mehr Leid und Elend, denn sie meinen allein(!) zu verstehen was „zu korrigieren“ und auch zu „fixieren“ sei.)
  4. Um diesen Prozess so gewaltfrei wie möglich[18] in der kommenden Geschichte ablaufen zu lassen, um Vertrauen und „zeitgemäß gerechte Grundnormen“ zu erstellen, steht nun – nach 10TS Jahren beobachtbarer Geschichte – der „freie Diskurs“ auf medialer und nicht-medialer Ebene in vorderster Linie. Dort kann und soll weiter und weiter treibend, Geschichte entwickelt, gerechtere Strukturen aufgebaut und „Ungerechtigkeiten“ entmachtet oder wenigstens entschärft werden.
  5. Leider werden alle Regime – sobald es ihnen gut genug geht – auch wieder träge und können in Korruption schlittern (aus Gewohnheiten, Bequemlichkeiten, steigenden Ansprüchen, Machtlust u.ä.m.)… Wieder kann uns auch dabei, soweit einsehbar, am besten der FREIE DISKURS „heraushelfen“ und zurück in eine Geschichte des Aufschwungs führen, die mit Kraft sich auch neuen Aufgaben zuwenden kann (das Weltall z.B., soweit wir davon Ahnung haben, ist wahrlich groß genug). Dogmen und Tabus helfen weniger, werden aber dennoch in gewissem Ausmaß jeweils auftauchen, sie schleichen sich ein und wir müssen sie in jeder Epoche wieder ab- und herausarbeiten (je klarer und geschickter, desto weniger Gewalt wird sich ereignen), auch Vernunft muss sich Lautstärke zumuten.
  6. Gelingt es so einem Regime mehr oder weniger „seiner Zeit gerecht zu werden“ und Ungerechtigkeit in Zaum zu halten, so wird leider nach einiger Zeit dennoch wieder deutlich (das ist Evolution), dass es nie „ganz genug“ sein wird, aber hoffentlich für eine gewisse längere Strecken „gut genug“, um „volles Leben“ zu ermöglichen: – Der Sokratische Diskurs ist das Salz der Demokratie!

„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“ sagte Immanuel KANT. – Sind wir also durch die Ereignisse wieder darauf gestoßen worden!


[1]                 Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist Unsinn; Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen. […] Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen. Der Staat muss untergehen, früh oder später, wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet. Friedrich SCHILLER –
HR: Wie viele Personen standen eigentlich bei SOKRATES am Marktplatz – außer PLATON und einer Handvoll? Waren diese Handvoll repräsentativ für die Wähler Athens? – 2015: Freien Zugang zu allen politischen Wahlen und faire Kampagne-Regeln – Meinungsfreiheit, medial angemessene „Waffengleichheit“, die eine freie Medienlandschaft in ausreichendem Maße erfordern – vorausgesetzt, – trau ich den Bürgern i.a. im 21. Jh. zu, dass sie die jeweils unter den gegebenen Umständen „richtige“ Handvoll (Parlament-voll) Leute in die Ämter wählen; aus dem Bauch heraus – was sonst, denn wer liest dafür genug – und trotzdem mit einer mehr oder weniger treffenden Einschätzung der Lage. Die Mehrheitsregel allein ist zu wenig; Informationsregeln sind heute zentral. Auch Menschenrechte und Subsistenzsicherheit müssen vorausgesetzt werden. Dieses Zutrauen ist wahrscheinlich die entscheidende Rechtfertigung von Demokratie.

[2]                 HR: „Milieu“ könnte man als einen Cocktail aus Einstellungen, Haltungen, Fantasien und Handlungen nennen, der sich gruppendynamisch selbst verstärkt (sei es ein Familienclan, eine „Peer-group“, eine Bande, ein krimineller Ring oder auch eine Bürgeridylle (á la „Weites Land“) oder sogar ein Management-Club u.ä.) und aus dieser mentalen „Blase“ auszusteigen ist nicht leicht, zumal solange man in diesem Kreis verbleibt. Ich kenne Milieus aus eigener Erfahrung, z.B. konnte man in einem Institut für Höhere Studien sein und sich angewöhnen, die Welt als Studienobjekt zu sehen, die Leute in der Mühl-Kommune meinten allen Ernstes sie seien der Normal-Welt drei Schritte voraus, ebenso wie die Leute im Ashram von Poona dies genau so sahen (evtl. differenzierter und feinsinniger), Leute in den Industriellenvereinen haben die Marktwirtschaft fest im Blut, Leute aus dem Republikanischen Club sind von irgendeinem Endsieg des Sozialismus überzeugt. In der Fleischerei (einer clubartigen Vereinigung ehemals rund um den leider schon verstorbenen Peter Kreisky), in der alle etwa 50 Anwesenden (als deren Sprecherin gleichsam eine angesehene Schriftstellerin fungierte), allen Ernstes strukturfreie Organisationsformen forderten, und einen Gast niederbuhten als dieser dies als irreal zurückwies. – Kurz, alle Gruppierungen leben in einer groben Ideologie („Blase“ könnte man sagen), die – je nach den Lebenserfahrungen, der Intelligenz und der Interessenlage der Person – unterschiedlich durchlässig und „außen-tolerant“ sind und wirken können, jedenfalls aber die „Welt“ unausweichlich durch diese „ihre“ Brille sehen. Dies ist diskursbehindernd, und man kann die Meinung vertreten: „je außen-toleranter die Grundauffassung desto gesamt-toleranter ist die Haltung aller“. – Diskurs ist aber nun besonders wichtig geworden, evtl. lebenswichtig.

[3]          Ingrid CARLQUIST kann darüber nur mehr im Europäischen Parlament reden: „Gebt mir mein Land zurück“. Ihr Thema und ihre Rede wurde in Schweden totgeschwiegen von der gesamten Presse: Ist ganz Schweden in kollektiver Trance bzgl. Multikulturalismus und verbietet sich selbst jede Diskussion dazu? Da ich aber diesen „unbewussten vorauseilenden Gehorsam“ sowohl aus Sekten als auch aus diversen bürgerlichen Milieus kenne, halte ich es für möglich, dass ganze Gesellschaften, auch sogenannte freie Demokratien in Derartiges hineinschlittern, selbst die breit gebildeten deutschen Topmoderatorinnen sind davor nicht gefeit, man merkt es wenn man die Milieus als „Grenzgänger“ wechselt oder plötzlich nach einer Dekade wieder in ein von früher bekanntes Milieu wieder eintaucht. – In einer solchen „Welt“, die selbst nicht bemerkt, dass sich diese unbewussten kollektiven Parameter verschoben haben (wie es nun aus der Zeit der Inquisition besonders deutlich ist, sichtbar für uns – im Nachhinein!)

[4]       HR: Diese „Normal“-Sicht wird von der Privatisierung der Unterhaltungsindustrie permanent „gefüttert“ (in Taten und Worten: z.B. SIXX, 21.11.2014, Dialog: Junger Mann: „Ich habe nur mehr einen Gedanken: töte ihn …(und zu einer jungen Frau gewandt): …ich habe für Dich gebetet… (dann fällt er über sie her…) – die Legitimation für die Brutalo-Show in Worten und Taten liefert eine Story über Drogen, Erpressung etc., in x-Varianten ausgewalzt… Die Privatsender zwingen so im Quotenkonkurrenzkampf auch die „öffentlich-rechtlichen Sender“ in diesem Genre ordentlich „Gas zu geben“: Tatort ist also tatsächlich auch schon eine ausufernde Brutalo-Show geworden, von der Vermischung mit Magischem (Werwolf-Fantasien) abgesehen, die noch den Privaten vorbehalten bleibt (und so für die weniger Gebildeten „bebildertete und wutablassende Parallelwelten“ aufzumachen). Bisher haben die einschlägigen Soziologen gemeint, das wäre vor allem ein Ventil „Dampf“ abzulassen. Tatsächlich weisen die EU-Statistiken Eigenartiges aus (Eurostat 2009: im EU-Schnitt kommen auf 100TS Einwohner 338 Polizisten, 127 Strafgefangene, 1,3 erfasste Gewalttaten: max. in Litauen:7, min. in Dänemark u. Österreich: 0,5). Nämlich, die angezeigten Gewaltverbrechen sind seit der Jahrtausendwende leicht zurückgegangen, aber was sie nicht anzeigen – aber die „Oberkommissare“ in Gesprächen betonen – die „Brutalo-Qualität“ der Taten steigt an. (Seit dem Tod eines eigentlich bei einer Schlägerei zu Hilfe kommenden Managers in einer Münchner U-Bahn-Station ist man allgemein dbzgl. hellhörig geworden.) Aber die westlichen IS-Kämpfer, die sich auch gerne als Videostars in Henker-Rollen ins Netz stellen lassen, haben damit natürlich(!) nichts zu tun.

[5]       HR: Unter Elite verstehe ich hier jene Menschen einer Gesellschaft, die für größere Kreise oder gar die quasi-souveräne Sozialeinheit (Staat…) Verantwortung übernehmen wollen, sich dies anmaßen, bzw. sich dazu aufgerufen fühlen. Dabei kann ein Land Glück haben (MARC-AUREL) oder Pech (NERO). Man kann aber auch sagen, jeder in der Gesellschaft habe zu dem „Staats-Milieu“ beigetragen (aktiv oder passiv), dass dieses oder eben jenes historisch möglich wurde. Als Establishment wird hier hingegen die Innehabung hoher Staatsämter bezeichnet, unabhängig von jeglicher Qualität dabei.

[6]       Das Numinose (Duden): „Das Göttliche als unbegreifliche, zugleich Vertrauen und Schauer erweckende Macht“.

[7]         Vgl. Blog v. Robert MISIK: Robert MISIK: Kommt jetzt der alte, verstaubte Begriff „Gemeinwohl“ zurück?
Peter SLOTERDIJK: In der Sache ja, aber auf der Ebene des Begriffs muss man tiefer ansetzen. Das Wort „Gemeinwohl“ ist mit zu viel idealistischen, also betrugsverdächtigen Elementen belastet. Man kann 200 Jahre Ideologiekritik nicht einfach vergessen machen. Wo Idealismus war, muss Realismus kommen. Gemeinwohlgesinnung ist unwahrscheinlich. Ich muss also zeigen können, wie das Unwahrscheinliche wahrscheinlich wird. Genau das versuche ich in meinem Buch mit den Argumenten, die das Konzept  Ko-Immunismus begründen. Wenn wir beweisen, dass wir das Eigene und das Fremde systematisch falsch unterscheiden, weil wir zu klein definierte Egoismusformate haben, so würde daraus folgen, dass wir ein größeres inklusiveres Eigenes schaffen müssen – nicht aus Idealismus, sondern aus wohlverstandenem weitsichtigem eigenen Interesse.

[8]             Vgl. Elmar ALTVATER, Dunkle Sonne, im Erdzeitalter des Kapitals, Artikel in: LEMONDE diplomatique, dt. Ausg., Nov. 2014, S.1.: „…Nach dieser Systematik bilden beide Sphären (Geosphäre und Biosphäre) die ökologische Sphäre, die natürliche Umwelt des Menschen. Dieser hat sich eine Anthroposphäre geschaffen (und darin Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur in all ihren historischen Varianten hervorgebracht), die aber in der gesamten Erdgeschichte nur einen verschwindend kurzen Zeitabschnitt ausfüllt. Ökosphäre und Anthroposphäre bestimmen zusammen die Entwicklung des Erdsystems…Der Mensch im Kapitalozän. …

[9]         HR: Eigenartigerweise wird z.B. nun erst bekannt, dass Sexualdelikte in den sonst hochgelobten skandinavischen Staaten – insbesondere Schweden – die weltweit höchsten(!) Raten (nach Südafrika) dbzgl. erreicht haben. Warum? Weil die sog. „freie Presse“ in Schweden – aus vorauseilendem Gehorsam der Anpassung oder aus Überzeugung (wie von vielen Menschen „guten Willens“ mitgetragen), dies totgeschwiegen hat: Die landesweit seit Dekaden laufende und zunehmend Tabuisierung der „Multikulturalität“ ist sowohl Regierungs-Linie als auch „Medien-Linie“ und darf nicht „angepatzt“ werden …

[10]                Vgl. die einschlägigen Referate von syrischen Journalistinnen dazu an der Diplomatischen Akademie am 3.11.2014. Kurdische Journalisten hingegen befürchten eine Ausbreitung der ISIS-Ideen in Pakistan, Bangladesch und etlichen anderen Staaten mit islamischen Mehrheiten.

[11]     Wer wusste z.B., dass in Indonesien im Zuge und nach dem Putsch von SUHARTO 1965 über 2 Millionen Personen (Männer, die als Kommunisten galten) von kriminellen Banden (mit offizieller Zustimmung) ermordet wurden. Der Dokumentar-Film „The Act of Killing“ (2012) holt die Schilderungen der Täter live vor die Kamera: sie zeigen nun als alte Männer vor, was sie damals taten.

[12]              HR: Deshalb ist z.B. auch das Freiberuflertum – stark vertreten bei der österreichischen Neupartei NEOS – eine Ansammlung von Selbstverantwortungsträgern, die das auch als Moral vor sich hertragen und damit auch sagen: „Ich kann das, und ich setze dies als Norm für alle an: Selbstverantwortung für alle von der Wiege bis zur Bahre“. In dem System muss sich „der tolle Hecht“ von Freiberufler auch nie unterwerfen und ist dank seiner Kräfte immer bei den überdurchschnittlichen Gewinnern dabei. Kann es schon daher nur eine Minderheitenpartei werden?

[13]            HR: „Gerechtigkeit“ ist über allen historischen Zeiten hinweg ein gesuchter Weg, eine immer wiederkehrende Forderung. Gleichheit ist hingegen eine Neuerung seit 300 Jahren, die auch heute überzogen wird: Denn dass wir nicht alle gleich sind, weiß jedes Kind, dass wir alle einigermaßen gleichwertige Chancen für unser so verschiedenartiges Potential wollen, wird nach der französische Revolution wohl jeder bejahen. Ob wir diese Chance aber auch bekommen, ist Teil einer gewissen Dramatik des sozialen Lebens in allen überschaubaren Perioden.

[14]     Vgl. Johannes MESSNER, Das Naturrecht, 1950; (Messner, gest. 1984 in Wien) #

[15]     Wikipedia v.8.11.2014: „Intrinsisch (lateinisch intrinsecus ‚inwendig‘, ‚innerlich‘ oder ‚hineinwärts‘, ‚nach der inneren Seite hin‘) bedeutet ursprünglich „innerlich“ oder „nach innen gewendet“, in einer späteren Umdeutung auch „von innen her kommend“. Intrinsische Eigenschaften gehören zum Gegenstand selbst und machen ihn zu dem, was er ist. Sie sind äußerlich nicht beobachtbar und mithin äußerlich versteckt. Intrinsische Handlungen, auch autotelisch genannt, sind eigenbestimmt und brauchen deshalb keine Anstöße von außen. Als Gegenbegriff gilt extrinsisch…“

[16]               HR: Diese Überlegungen folgen somit eher dem Ansatz der „biologischen Anthropologie“, die in der „Synoptischen / Systemischen Sozialanalyse eine zentralen Stellenwert hat. Diese hier dargelegten Überlegungen wenden sich daher ausdrücklich gegen(!) die „Historische Anthropologie“, die keine „natur-begründeten“ Konstanten kennt (wie man es allerdings bei anderen Primaten sehr aber wohl ansetzt). Daher kommt es m.E.n. auch zu horrenden ja evtl. katastrophal-endenden Fehlschlüssen (wie etwa der – sonst geniale – Ansatz des Marxismus und alles in seinem Gefolge). Die „natur-begründeten Konstanten“ sind m.E.n. klar zu berücksichtigen(!), dann kann man sehr wohl über mehr oder weniger „wohltemperierte Variationen“ (natürlich der historischen Zeitepoche gemäß) nachdenken und diese auch sinnvoll politisch installieren (aber eben in Respekt vor aller Natur und so auch der des Menschen selbst). Kurz, der Mensch ist nicht ein so „erhabenes“ Wesen, dass die Erkenntnisse der Naturwissenschaften (und so auch der Zoologie) nicht auch bei ihm berücksichtigt werden müssten. Die sinnvolle Diskussion hat also über die Modifikationen durch „Kultur“ zu gehen und nicht mit der Ableugnung (als dogmatischer Art) von Anknüpfungspunkten zu beginnen.

Wikipedia v. 12.3.2014 ad „Anthropologie“: „… Historische Anthropologie wird in Deutschland und Österreich sowohl an historischen als auch an soziologischen und kulturwissenschaftlichen Seminaren gelehrt. Ihre Vorläufer sind einerseits die
* französische Mentalitätsgeschichte der Annales-Schule und die
* historische Anthropologie der École de Paris, die
* angelsächsische Kulturanthropologie und die
* in Deutschland lange Zeit verbreitete Philosophische Anthropologie, andererseits
* die in den achtziger Jahren stark diskutierte Alltagsgeschichte.

Historische Anthropologie begreift Geschichte als historische Praxis. Im Zentrum stehen Vielfalt und Veränderlichkeit kulturell geprägter Lebens- und Erfahrungsweisen. Alltagswirklichkeiten gelten in dieser Perspektive als man made; sie werden also von historischen Akteuren geformt und getragen, verändert oder zerstört. Nicht ‚anthropologische Konstanten‘ sollen erkundet werden. Fragen richten sich vielmehr auf
* das konkrete ‚Machen‘, ‚Tun‘ und ‚Ausdrücken‘ von Ereignissen und Konfigurationen.
Die materialen Alltage der Menschen erweisen sich als veränderliche, zugleich als ihrerseits verändernde Momente historischer Prozesse. Dazu gehören
** die Profile von Interessen und Emotionen in ihren praktischen Wirkungen und Umsetzungen, aber auch
** in ihren medialen wie symbolisch-rituellen Voraussetzungen und Vermittlungen.
** Situative Verknüpfungen werden erschlossen; parallel gilt das Interesse
** gesellschaftlichen Kräftefeldern und Handlungsräumen,
** zugleich deren je unterschiedliche Zeitlichkeiten. ..“ –

Vgl. auch Helmuth PLESSNER (gest. 1985) Anthropologische Gesetze, cit. Wikipedia v. 16.11.2014: „…Die Analyse der exzentrischen Positionalität führt Plessner – der eine Art „Mittelposition“ einnehmen will – zu den (zunächst) drei von ihm so genannten „anthropologischen Gesetzen“:

  1.                     Das Gesetz von der natürlichen Künstlichkeit.
  2.                     Das Gesetz von der vermittelten Unmittelbarkeit.
  3.                     Das Gesetz vom utopischen Standort.

Entsprechend dieser Dreiteilung erschließt sich dem Menschen die Welt als Außenwelt, Innenwelt und Mitwelt, die wiederum die Dimensionen der Kultur, der Geschichte und der Gesellschaft aufreißen. In der späteren Schrift „Macht und menschliche Natur“ findet Plessner noch ein weiteres anthropologisches Gesetz, das Gesetz der Unergründlichkeit des Menschen, das die Dimension des Politischen öffnet. Plessner gelangte so, ausgehend von einer Interpretation biologischer Sachverhalte, zu einer philosophischen Fundierung der Soziologie und verwandter Wissenschaften.

Der oft gehörte Einwand, anthropologisches Denken kreise um einen ahistorischen Wesensbegriff des Menschen, verfängt in seinem Fall also nicht. Vielmehr besagt der Begriff des Gesetzes, dass wir Menschen aufgrund unserer leiblichen Verfassung (Ausstattung, Verwurzelung) darauf angewiesen sind, uns zur Welt hin zu öffnen und sie „künstlich“, geschichtlich und gesellschaftlich zu gestalten.

Bezüglich des Problems der Abgrenzung von Natur- und Geisteswissenschaften wies PLESSNER auf die falsche Umgangsweise mit der „Doppelaspektivität“ der menschlichen Grundsituation hin: Dass der Mensch eben zugleich sein Körper/seine physische Existenz ist und diese hat, dass er zugleich um sich als Geistwesen und als Körperding weiß. Seit DESCARTES bewältigt das abendländische Denken diese Schwierigkeit dergestalt, dass es sich vor die Entscheidung eines Primats des Geistigen oder des Physischen gestellt sieht (Leib-Seele-Problem). Dieses tradierte Denken verabsolutiert entweder die geistige oder die körperliche Erfahrungswelt, anstatt beide in jedem Moment aufeinander bezüglich bzw. ineinander verschränkt zu sehen. Eine Spaltung in Naturansicht und Bewusstseinsansicht zerreißt jedoch die Natur- und Geisteswissenschaften ebenso, wie sie das naturgemäß ganzheitliche Selbstbild des Menschen irritiert. Plessner begegnet diesem Problem, indem er konsequent die doppelte Perspektive der Verschränktheit beibehält. Seine auf biologischen Tatsachen aufbauende Philosophie wiederholt beständig die Einsicht in die paradoxe Grundverfasstheit menschlichen Selbst- und Welt-Erlebens. …“

[17]               Ad KELEG Necla (türkisch-stämmige deutsche Autorin, die eine migrationskritsche Position einnimmt): FAZ-Interview, 2012:
Frau Kelek, haben Sie gelesen, was im englischen Wikipedia über Sie steht? Den Eintrag haben offenbar Ihre Gegner redigiert.

                    Necla Kelek: Was über mich so steht, ist sehr beeinflusst von bestimmten Leuten, die großen Wert drauf legen, dass gegen mich was erscheint und es wird immer schlimmer. Es gibt einen kleinen, aber gut vernetzten Kreis in Deutschland, nicht nur von Islamisten, sondern auch von türkischen Nationalisten. Nach deren Wunsch müsste ich verschwinden.

                    Patrick BAHNERS, bis 2011 Feuilleton-Chef der „FAZ“, und der deutsche Historiker Wolfgang BENZS haben Bücher gegen Sie und andere „Islamkritiker“ geschrieben. Und schon 2006 haben 60 Migrationsforscher öffentlich gegen Ihr Buch „Die verlorenen Söhne“ protestiert: Sie würden unwissenschaftlich arbeiten und unzulässig verallgemeinern . . .

Hätte ich mit der gleichen Arbeitsmethode gesagt, dass Migranten unterdrückt werden, hätten sie das glaube ich gar nicht unwissenschaftlich gefunden. Es passt ihnen das Ergebnis nicht! Für mein Buch „Die fremde Braut“ über Zwangsheiraten habe ich mit 40 bis 50 Frauen gesprochen, die nach Deutschland verheiratet wurden, unzählige Bücher gelesen und recherchiert. Für „Die verlorenen Söhne“ habe ich zwei Jahre mit Männern im Gefängnis Interviews geführt und analysiert. Was ich sage, belege ich. Allerdings bin ich freie Autorin und habe kein wissenschaftliches Institut hinter mir, das durfte ich ja auch nicht . . .

                    Was heißt, Sie durften nicht?

Den Protest der 60 Migrationsforscher hat meine frühere Doktormutter organisiert! In meiner Doktorarbeit hatte ich herausgefunden, dass der Islam noch die Integration in der dritten Generation behindert. Sie sagte, stimmt nicht, die werden nur vorübergehend streng, dann gibt sich das wieder. Mir schien das letztlich plausibel. Als ich bei weiteren Untersuchungen zu anderen Schlüssen kam und sie öffentlich präsentierte, war ich für sie erledigt.

                    Necla KELEG: Die sozialwissenschaftliche Forschung in Deutschland ist total ideologisiert. Konsens ist, dass die Gesellschaft versagt hat, die Menschen zu integrieren. Wenn es Probleme bei den Migranten gibt, hat das für sie soziale Gründe. Kultur als determinierend zu bezeichnen, ist tabu. Und es wird immer schlimmer. Iranische, türkische, deutsche Studentinnen erzählen mir, dass sie sofort gemobbt werden, wenn sie z. B. über Familienstrukturen forschen wollen: Für Fragestellungen wie „Sind Ehrenmorde symptomatisch? Gibt es Zwang zur Ehe, woher kommt das historisch?“ finden sie keine Professoren.

[18]     Vgl. Sven MICHAELSON im Interview mit Peter SLOTERDIJK: „…Nachdem Sie 1974 Ihr Studium abgeschlossen hatten, haben Sie sechs Jahre lang mit Selbsterfahrungsangeboten experimentiert.
Peter SLOTERDIJK: Die Luft in München war angefüllt mit Encounter-Kultur, Esoterik-Diskotheken, Meditationszentren und Psychogruppen, das Ganze mit kalifornischen Akzenten à la Urschrei and Company. An dem Karneval nahm die wohngemeinschaftsartige Gruppe, in der ich mich bewegte, sehr neugierig Anteil. In unsere Kreise war die Idee eingesickert, man müsse seinen perinatalen Schatten aufhellen, um als Mensch vollständig zu werden. Heute halte ich das, gebranntes Kind, das ich bin, für ein Spiel mit dem Feuer, und würde auf der ganzen Linie abraten. Man darf nicht ohne Not an das archaische innere Material rühren, denn psychotische Eruptionen kommen früher, als man glaubt. Wir aber hielten die Psychose für unsere beste Freundin, weil in ihr die größere Wahrheit wäre. Wir waren eine vom Wahrheitswahn getriebene Kohorte, die versuchte, ihre psychischen Schrauben zu verstellen. …“ (HR: Als gebranntes Kind – so meint Peter SLOTERDIJK – kann man es so übervorsichtig sehen. Es waren jedoch tiefgreifende Experimente / Selbstexperimente – man musste auf eigene Gefahr mitmachen – und diese drangen m.E.n. erstmals in der Geschichte (der Psychologie und überhaupt) in neue Ebenen der Psyche vor, die im Konsumkapitalimus des Westens (aber auch in den so ruhigen Formen der verschieden „Dauer-Mediationen“ des Ostens) einmalig waren (aber dennoch m.E.n. bald ihre eigenen „Standard-Rituale“ und „erwarteten Gefühlsausbrüche“ produzierten). Diese Erfahrungen sollten aber nicht vergessen werden, sie drohen aber im „Internet-Wust“ in Vergessenheit zu geraten.

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