Die „Generation Now“ (ein „zynischer“ Rückblick?)

1. Woher sie kommt:

 In den 1950ern waren in Europa die Trümmer aufgeräumt, der Wiederaufbau boomte, das Leben normalisierte sich, und die Bürger Europas wandten sich wieder dem familiären Wohlstandseifer zu. Mal ein Campingreise, mal ein Likör, mal ein neues Möbelstück, und immer ein Bausparbuch … das war schon (wieder) „drinn“. Über die europäische Vergangenheit der ersten Hälfte des Jahrhunderts schwiegen aber alle wie ein Grab, ohne dass je eine Parole dafür irgendwo ausgegeben wurde. Es war einfach so, der Geschichtsunterricht endete irgendwo um 1925.

In den 1960ern begann der Diskurs über die „alten Autoritäten“ … über schwarze Pädagogik, über natürliche Geburt, über die gelebte Ungleichheit der Frauen, das Nicht-Schlagen, ja sogar das Parlamentspielen von Kindern (Summerhill) und viele weitere Facetten von Emanzipation. Und tatsächlich, schon eine Dekade später, hatten die Kinder und die Frauen viel mehr Lebensfreiheit gewonnen. Gut so. Dazwischen lag „1968“ – die Kulturrevolution der Jungen.

 In den 1970 Jahren wurde in den USA und Großbritannien, und bald auch in Frankreich und in Deutschland, sowie vielen anderen Staaten die allgemeine Wehrpflicht abgeschafft. Töten ist schlecht, natürlich – außer in Notwehr. Jeder versteht das. Und alle schauen mit Hoffnung auf eine bessere Zukunft hin, aber…?

 In den 1980er irritierten die Hippies weltweit – aber besonders anschaulich in San-Francisco – die Bürgerwelt. Alle möglichen Sachen rauchend, alle möglichen Sozialexperimente erprobend, Familie out, Sex und Spiritualität wurde durcheinander gemischt, ein paar Drogenexperimente bis auf Professorenebene machten Schlagzeilen, und Castanenda beschrieb seine Mescalin-Trips im Kopf und in Mexiko als Abenteuer. … Und mit der Beschreibung von selbst-weiterentwickelten Tantra-Techniken konnte man Bücher verkaufen, Gurus hatten seit den Beatle-Besuch in Indien eine Welle von „Westeners“ zu bearbeiten … und und und … „The roaring seventies.“ – Den Normalbürgern wurde es unheimlich, sie wählten daraufhin REAGAN, der zu einer neuen „Crusade for America“ aufrief (Parteitag in Detroit, 1980). Reagan senkte die Steuern und rüstete auf. In die UdSSR – die Jungen haben das Wort kaum mehr je gehört, es bedeutete „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ (das kommunistische Groß-Russland) – implodierte, allerdings dank der großherzigen Führung durch GORBATSCHOW praktisch ohne Blutvergießen, angedacht mit Glasnost (Transparenz) und Perestroika (Umbau)… Aus der Reform des bislang bürokratisch-gelenkten Staats- und Wirtschaftsmanagements wurde aber nichts. Die USA nutzten die Monate der Schwäche des Riesenreiches aus und stülpten ihren Kapitalismus in das Machtvakuum eines zu alkoholfreudig-gewordenen JELZIN, wenige Oligarchen kamen zu schnellem Reichtum aber viele Sowjetbürger landeten in einem Hungerelend. Bis eben PUTIN eine neue Art von „Autokratie“ durchsetzte und dem Ausverkauf des großen Landes beendete. Sicher die bürgerlichen Freiheiten können sich dabei nicht mit Norwegen vergleichen, aber in Russland hungert nun niemand mehr, und die Schätze unter und über der Erde wandern auch nicht mehr nur in ausländischen Besitz.

In den 1990ern setzte der Sieger es Kalten Krieges, die USA, seinen Weltenplan der „Globalisierung zugunsten der US-Konzerne“ in die Praxis um. Dabei wurden einige wenige immer reicher, viele weltweit aber relativ immer ärmer.

In den 20-Nuller Jahren gab es die erste Finanzkrise, aber seltsamerweise wurden bei jedem Reformversuch zur Regulierung der Weltfinanzen die Reichen noch reicher, die Armen relativ noch ärmer. Die Technik ging ihren eigenen Weg: Der personal-computer (PC) war inzwischen in alle Haushalte eingezogen, er schaffte eine neue Lebensrealität, und eine neue Vielseitigkeit: D.h. die Bürger weltweit wurden sich erstmals in der Geschichte gewahr, dass es mehrere Perspektiven gibt, in der man die Mit- und Umwelt sehen und wahr-nehmen kann. Kommt man aber dem wahren Wahr näher?…Die Auswahl, was tun, was kaufen … stieg jedenfalls enorm. Und die handlichen Ableger der Computertechnologie wurden immer kleiner und immer handlicher (Handys läuten überall). Fast jeder, jedenfalls jeder der „Neuen Digital Generation“, also diejenigen, für die die 1968er ferne Geschichte und der 2. Weltkrieg weit weg ist …

Dann kamen die 2010er, und die Früchte gingen auf, die man nun gute zwei Generationen lang gesät hatte. Die Technik und die Reichweite dieser Technik wurden unermesslich, wie das Universum, dass sie nun durchforsten konnte. Die Medizin war sehr tüchtig geworden, viele Krankheiten wurden „gebändigt“ oder ganz ausgerottet, die Hygiene weltweit publik und begann sich auszuwirken (der eigentliche Grund für die Bevölkerungsexplosion). Die Menschheit war von der Mitte des 20. Jhs. an bis zur Mitte der 2. Dekade des 21. Jhs. um das 2einhalbfache von 3 auf fast 8 Milliarden angewachsen. Und gerade die Armen vermehrten sich enorm, denn für deren Eltern gab es ja nur die eigenen Kinder als Altersversorgung. Viele Reiche gründeten Foundations für gute Zwecke, jedenfalls meist mit ihrem Namen versehen…. aber sehr karitativ gemeint. Die Mobilität ermöglichte es viele viele Arten von Reisen zu machen, der Himmel war voll mit metallenen Vögeln, die mehr und immer mehr Menschen in ihrem Bauch transportieren konnten. Der Sport zeigte immer wieder neue Rekorde an. Weit unter 10 Sekunden lief man die 100 Meter, weit über 90 Meter konnte man den Speer werfen … Siegfried wäre vor Neid erblasst. Die Extremsportler konnten praktisch jeden schneebedeckten Berg hinunterfahren, die Drachenflieger die Alpen überqueren, mit Spezialanzügen konnte man durch die Luft fliegend punktgenau in die Täler gleiten, und vieles derartiges mehr. – Die meisten der fast-8 Milliarden allerdings waren nur „Couch-Sportler“ und konnten alles auf den vielen vielen sogenannten Fernsehkanälen mit-“anschauen“… So war das verbreiteteste Problem der westlichen – und auch vieler anderer Menschen – „das Übergewicht“ geworden. Viele junge Leute konnte auch keinen Berg mehr besteigen, keine Fluss mehr durchqueren, – es lohnte ja auch nicht, den nur die Extrem-Leistungen kamen ins Fernsehen, also auf den Schirm, der für die meisten die Welt bedeutete, und ja auch mehr oder weniger darstellte. – Kriegshandlungen im „alten Sinne“ waren natürlich absurd geworden, sie wären eine Unfall der Geschichte, eine militärische Eskalation könnte so viel zusätzlich unabschottbare Katastrophen auslösen, selbst wenn man mit den „sauberen Nukes“ beginnen sollte, wer weiß schon mit Sicherheit, ob denn irgendwelche Terroristen „schmutzige Nukes“ erworben und irgendwo versteckt hätten, … Terror war im 21. Jh. der eigentliche Feind der lebenden Menschen geworden, und der konnte überall und überraschend Dutzende oder gar Hunderte aus dem Leben reißen (jedenfalls über die allmächtigen Medien war dies eine Präsenz geworden, ob durch die Statistik gedeckt, bleibt fraglich). – Und so war das Bewusstsein des Alltag getrübt, man musste sich dauern vorsehen, ganze Armeen von Geheimdiensten wurden aufgeboten um „Terroristen“ aufzuspüren[1] bevor sie zuschlugen. – War das Aussterben der Religionen in den 1960ern vorhergesagt worden, so straften die Fundamentalisten diese Vision Lügen. Extreme auch in der Religion wurden gang und gäbe, in Auslegung, Auffassung und Umsetzung. – Aber das „normale“ Leben im Westen war in der sog. Freizeit (eine Erfindung der 1960er) dennoch i.a. eine Suche nach dem „Spaß“ geworden, und das Leben im Osten wurde zum Wettlauf darum, wer am ehesten „wie der Westen“ werden könne. – Ernstes (Zukunftswolken…) wurde am besten so gut weggeschoben, dass es gar nicht mehr wahrgenommen werden musste… Bis dann eine Welle kam, mit der jedenfalls die Normalbürger nicht gerechnet hatten: Flüchtlinge aus dem Orient und Afrika in großer Zahl… Viele wachten nun auf, und fragten einander, wo sie da gelandet seien? – Spritzige Filme (Vorstadt-Weiber) zeigten eine Satire des „verludert“ dargestellten Lebens in Europa. (Ein 24jähriger Konvertit und seine 17jährige Freundin aber wollten nach Syrien zur Unterstützung des Islamischen Staates reisen, weil – so sagen sie – sie die Dekadenz des „Westens“ nicht mehr aushielten, es ergibt sich die Frage, ob die „Whats-App“-Generation, die ein Leben lang nur „Spaßiges“ und „Cooles“ in sich hineinließ, überhaupt das Satirische derartiger Filme versteht?…

 2. Wohin nun?

Wozu der Rückblick, jede Generation hat ihre Vergangenheit, – aber evtl. ging diese nie so schnell verloren aus dem Alltags-Bewusstsein, und nicht weil es nicht Berge von maschinensortierten Dokumenten gäbe, sondern weil „so viel multi-optional wählbar Neues täglich alles überlagert“…

Im Orient mischen sich „nachholende Aufklärung“ und „reaktive Vergangenheits-Erweckung“ unentwirrbar zu einem kaum erklärbaren Wirrsal; oder sind es nur verkleidete Stellvertreterkriege wie es sie immer und zu allen Zeiten gab? Was ist das mit dem neu-entstandenen Islamischen Staat? Was ist also der Unterschied zwischen den islam(ist)ischen Bewegungen (ISIS, Al-Schabab, El-Nusrab, u.a.) und den vielen diversen esoterisch-spirituellen „Aquarius-Bewegungen“, die seit 1960ff unterwegs sind, mit mehr oder weniger Erfolg, Misserfolg, und Auf-und-Ab: Ist der Unterschied dass die westliche Gesellschaft als Verkaufserfolg Gewalt solange als „Spaß“ exportiert hatte in alle Welt, bis „die Gewalt als Methode live-gestreamed“ zurückkam?

Die Menschheit hatte jedenfalls in den letzten drei Generationen gigantische Fortschritte gemacht – die lebende Neu-Generation ist die mit den 100en Möglichkeiten – wird so ein Teil dieser Jugend immer einseitiger (dümmer, sie wählt immer dasselbe in anderem Kostüm) und so hochmütig, wie es Hollywood vormacht (im Film gibt es ja auch immer ein happy-end) – ob sie das überlebt?

Herbert Rauch

 

[1] „Nachrichten der Evangelischen Allianz in Deutschland: 7.2.2016: El Kaida fordert zur Zusammenarbeit mit IS auf. In Syrien bekriegen sich beide Terrororganisationen. Damaskus (idea) – Der Führer des Terrornetzwerks El Kaida, Ayman al-Zawahiri, hat sich für eine Kooperation mit der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) ausgesprochen. „Wir müssen jetzt den Krieg in die Herzen der Kreuzfahrer-Städte des Westens tragen – besonders nach Amerika“, sagte al-Zawahiri in einer im Internet verbreiteten Botschaft. Eine Allianz mit dem IS sei nötig, „um die Attacken der Feinde des Islams zurückzuschlagen“. In der Vergangenheit hatte al-Zawahiri dem IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi vorgeworfen, die muslimische Bewegung zu spalten.