EDEN – ein Filmkunstwerk, das man mit „Betört und Verloren“ untertiteln könnte

Der Film (2014) von Mia Hansen-Lóve ist ohne Zweifel ein Kunstwerk. In zwei gewichtigen Teilen von je ca. 65 Minuten Länge wird das Leben eines aufsteigenden DJ-Sterns der Pariser Szene der 1990er Jahre nachgezeichnet. Der Filmschnitt ahmt die Wahrnehmungswelt des Helden über eine lange erste halbe Stunde nach. Disco-Disco in der Elektro-Musik des Rock, House, Techno,… zeigt es buchstäblich hautnah die Mix-Stories des Stars und seiner Groupies.

Aber bevor Langeweile über die immerwährenden weichen und harten Bässe, die tanzenden jungen Körper in Paris, New York und Chicago den ein wenig irritierten Zuschauer (gegenüber einer nun schon verflossenen Szene) abdriften lässt, kommen harte menschliche Töne auf. Die Welt des Helden wird erschüttert, und das von der permanenten Drogenkumpanei der “Drei-Worte-Sätze” geprägte Milieu kippt stückweise immer mehr in einen eigenartigen Ernst von Alltag. Zuviel Geld ward zuvor locker ausgegeben als man „oben“ war, vom Helden und seiner illustren von sich recht eingenommenen Entourage. Aber plötzlich muss er hören, dass ein Freund sich vor die Metro gestürzt hat, zusehen wie Freundinnen verschwinden, die Groupies seltener werden, die Engagements des einst so gefragten und verwöhnter DJs immer dürftiger ausfallen… Am Ende spielt er bei Hauspartys von Swimmingpool-Besitzern auf.

Die Kokain-Höhen kann er gesundheitlich und menschlich nun nicht mehr durchhalten. Mama muss ihm finanziell aushelfen. Eine „Tussi“ – wie sie sich selbst nannten -, die er zuvor nur als Party-Girl erlebt hatte, erweist sich dabei aber als nicht nur schöne, sondern auch gute, ja fürsorgliche Gefährtin. Als er mit 34 Jahren zusammenbricht, ist er depressiv und drogenabhängig. In einem Weinkrampf entlädt sich eine Enttäuschung oder besser „eine Art Kater nach einem Sturz aus Höhen weit über Alltag und Mitwelt“. Es war eine ganz betont „unbürgerliche“ Szene gewesen, und ein Rausch, der über Jahre angehalten hatte, wie eine Wolke aus der es nie regnet…

Am Ende scheint er sich als Kinderonkel ehemaliger Freundinnen und mit etlichen kleinen Angestelltenjobs abzufinden. Trotz aller Ausgelaugtheit und Traurigkeit über ein Scheitern (aber war es das? – weder er noch der Zuseher scheinen sich darüber klar zu werden), geht das Leben weiter. Ein Ausstieg aus der DJ-Welt ist es jedenfalls. Ein Ausstieg, der ihm zuvor nie in den Sinn gekommen wäre. Aber er muss zur Kenntnis nehmen: die Musikszene ist weitergewandert, er ist nicht mehr “in” mit seiner erlesenen und früher angehimmelten Art von „Musik-Erleben und -Vermitteln“. Hat er nur den Absprung aus einer Jugendszene verpasst?

Der Zuschauer ist am Ende ähnlich irritiert wie der Held selbst. Das Gedicht einer alten Freundin scheint ihm nun das Leben als Rhythmus zu erklären (oder zu verklären?). Ein erstes Lächeln spiegelt sich auf seinem Gesicht. Ein Lächeln, das im Film zuvor nie und von niemandem je aufgetaucht ist. Man kannte sich in dieser Szene nur über Sprüche und dem „Drüberstehen“.

Und wie nach einem eigenartigen Rausch verlässt man auch den Kinosaal: Das könnte wohl großes Kino sein, nur in einem großen Saal ertrag- und erlebbar. Etliche Szenarien wirken nach – wie eine Symbolik für Jugend, Adoleszenz und rauschhaftes Leben in den größten Städten der Welt und ihren Tanztempeln. Die am DJ-Helden vorbeiziehenden Menschen, ob als Tänzer, als After-Hours-Kumpels oder als Bettfreudinnen, erscheinen nun wie vergangene Traumfiguren für einen von Kokain dauerberauschten sehr schönen jungen Franzosen (und nur Paris und New York kann die Kulisse für solch einen ästhetisch-melancholischen Rausch abgeben). Ein Filmerlebnis – aber vielleicht nicht für jeden.

Herbert Rauch