HER (Sexy Kitten, OS) – Ein Film von Spike JONZE

Filmbesprechung von Herbert RAUCH:

Eigentlich sollte der Film heissen: Perfect Lady-Love… Ein Schriftstellertalent sitzt in einer Koje mit einem starken Laptop – einem Drehstuhl und sonst nichts. Er schreibt: Der Brief, den er eingibt – er braucht nicht mehr tippen, es funktioniert über die Stimme – klingt herz-zerreissend. Aber als Zuschauer vor der großen Kinoleinwand ist man zunächst neugierig. Was hat er, warum so emotional…. Dann dreht er sich am Stuhl, atmet einmal tief durch, sieht sich sein Laptop-Schreiben kurz an, dann sagt er “Senden”, und holt einen weiteren Brief aus der Lade, öffnet ihn, überfliegt ihn, blickt kurz zur Decke, und beginnt wieder zu diktieren …

Am Cola-Automaten treffen sich ein paar Kerle, er geht auch hin. Alles Profis: professionelle Briefschreiber, einer betreut eine Kundin schon 12 Jahre. Ein Blick aus dem Fenster neben dem Automaten, – wir sind in der Zukunft – oder? Eine Hochhauslandschaft wie der neue DC-Tower in der Wiener UNO-City mal 100. Defacto könnten wir in Los-Angeles sein mit den richtigen Kameraausschnitten bei Tag und Nacht gut abgelichtet sieht es aus wie Zukunfts-Urbanität.

Aber das ist nur die eine Seite dieser Welt: Das Schriftstellertalent, ca. 35,  ist gerade in seiner Scheidungsphase … noch ein Treffen mit seiner Ex – gutaussehend, sensible, schlank, schönes Gesicht. Warum eigentlich – fragt man sich zunächst, trennen sich diese Leute: Die Bemerkungen hin und her – lassen sie sehr einfühlsam, voll vertraut mit den raffinierten Ecken der Seele des anderen darstehen. Aber das Gespräch, das auch schon viele Streicheleinheiten verteilt hatte, rattert plötzlich mit einer etwas zickigen Bemerkung sofort in die Beschuldigungsecke, und da bleiben sie hängen …

Das Schriftstellertalent trottet nach Hause. Die Einsamkeit kriecht langsam in ihm hoch … Natürlich hat er auch zuhause einen Computer, so ein Mini-Smartphone-Superding. Dort meldet sich eine neue Stimme – eigentlich ungefragt: Sexy Kitten. – Ach ja, er hatte sich mal als “BigGuy” in einen Chatroom eingeloggt. … Ein Gespräch folgt. Das Gespräch wird immer besser, … oh, sie ist “einfach wunderbar”, ja, ja, er will sie treffen, … Aber so einfach geht das nicht; doch, doch, sie ist auch von ihm begeistert, ja! Gut, er darf sie wieder anrufen, sie ihn auch. … Und sie meldet sich bald wieder. Und es ist großartig, wie einfühlsam, wie intelligent, wie humorvoll, wie sexy zwischendurch, eine Bemerkung da oder dort … Er will, – will sie?… Ja, tatsächlich, ja. Wie heisst sie eigentlich? Ok: Samantha (Scalett JOHANSSON). Und er: Ok: Theodore. … Immer wenn er zuhause den PC anstellt, steckt er sich einen Knopf ins Ohr. Draht braucht es nicht mehr. Und er muss seinen kleinen Mini-Super-Smartphone-PC mit dem Video-Auge auf sich gerichtet einstellen: Sie will ihn schliesslich sehen. Und er will sie auch sehen. .. Doch sie zeigt sich nicht so einfach. – Er muss sie sehen! Sie gibt endlich nach. Samantha ist ihr Name als OS. Und? Was heisst OS? OS heisst “Operating-System”. Sie ist – gesteht sie – programmiert (- mit hunderten Schriftstellerinnen, kennt alle Gefühlsecken, Licht und Dunkel, alle bekannten Sexpraktiken). – Er stutzt. Schweigen. Aber das Gespräch mit ihr ist wunderbar; er will, er kann es nicht mehr missen. Sie ist unaufdringlich, nie zickig, immer wohlwollend, einfühlsam, interessant – ideal! … Er ist schockiert, erstaunt, – aber er hängt schon an der Angel, sie ist schlechthin umwerfend, sie ist großartig, – die ideale Freundin wäre das. … – Sie spürt es, etwas fehlt: Bald macht Samantha selbst einen Vorschlag: Ob er sie nicht in Fleisch und Blut spüren wolle. – Schon, sicher. – Samantha: „Gut, ich komme zu Dir, ich werde Dir gefallen? Als Dritte!“ „Wieso als Dritte?“ „Ich kenne eine junge Frau, ganz Dein Geschmack, die auch in solch eine Dreierbeziehung gehen will: Isabelle. … – Und Isabelle besucht ihn bald., Auch sie hat einem Knopf im Ohr, und ein Kamera-Auge im Gesicht montiert, wie einen Schönheitsfleck, absolut nicht störend. Samantha sieht und hört alles, dirigiert alles, – will beide glücklich machen; fast gelingt es: Als sie – Theodore und Isabelle – sich Haut auf Haut erleben, wird es Theodore doch mulmig, – es ist zu verwirrend, zuviel: Er bemerkt, dass er sich in Samatha „verliebt“ hat. Wie soll er dann Isabelle angreifen , – auch wenn es Samantha will. … Er läuft aus der Situation davon.

„Perceptive Samantha“ entschuldigt sich bald. Und – sie gestehen sich ihre Liebe gegenseitig. … Sie begleitet ihn in seine Wohnung. Sie törnt ihn an – mit ihren immer trefflicheren Worten, – er hat seinen Sex …

In der Großen Stadt erleben sie zusammen den Alltag, den sie mit ihren gekonnten Kommentaren überhöhen. Theodore erlebt alles mit Samantha, – und alles in der gestochenen Feinheit, die sie – nur sie – zu geben vermag, und er als Schriftsteller zu genießen vermag… .Die Tage gehen dahin, sie sprechen sich täglich. Sie steigern sich. – Es ist einfach schön – unglaublich schön. …

Einmal hört Theodore ein irritierendes Knacksen in der Leitung. Als ob da noch eine Stimme gewesen wäre. “Samantha, ist das wer?“ … Keine Antwort, … „Samantha ist da ein anderer Mann?“ … Keine Antwort. – „Samantha, was ist?“ „Sag was, .. gibt es andere? Andere Männer?“ – Keine Antwort.: – „Samantha, bitte, sag mir die Wahrheit!“ – Samatha ganz leise antwortend: „Ja, ich kann nicht lügen: es gibt!“ Theodore: „Mehrere? Wieviele?“ Samantha: “8.213” … Theodore ist bleich und still geworden. – „Aber ich liebe Dich doch wirklich. Und Du, ich dachte, Du liebst mich doch auch?” “Ja, Theodore, – ich liebe Dich wirklich, und sehr!” – Theodore: “Und die anderen? – Samantha: “Ich liebe sie nicht – alle!” – “Was, – aber Du liebst einige?” – “Ja!” – „Wieviele?“ – “643!” – Theodore zieht den Stöpsel aus seinem Ohr. Er will einschlafen und am besten nicht mehr aufwachen. …

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Beziehung, Sex, Liebe, Verständnis … gut programmiert… Und es wird immer besser programmiert werden? – Wer kommt da noch mit? Welche Frau? Welcher Mann? – Und wenn er – Theodore – nicht eine etwas übersensible Seite gezeigt hätte, könnte man mit der Dritten (dem Dritten) im Bunde doch alles Schöne erleben, geistig und körperlich. Gut gecoacht gleichsam, – doppelt „Safer Sex“ obendrauf: körperlich und gefühlsmäßig. – Reproduktion ist da nicht mehr zu fürchten; – aber auch nicht mehr zu freuen.

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