Historische Überlegungen zur islamischen Kultur

Das Wesentliche der islamischen Kultur, wie sie derzeit nicht nur – aber vor allem im Orient beheimatet ist, – und sich nun in Europa „breiter darstellen“ will, wird von der türkischen Schriftstellerin Necla KELEK[1] (* 1957 in Istanbul) m.E.n. sehr gut in ihrem Buch („Himmelsreise“, 2010) beschrieben und in etlichen Interviews (z.B. jenem auf Octo.Tv, 1/2016) auf den Punkt gebracht. – Auch die türkisch-kurdisch-stämmige Berlinerin Güner Yasemin BALCI (* 1975 in Berlin) thematisierte dazu insbesondere das Entstehen von Parallelgesellschaften in Deutschland sehr anschaulich als Schriftstellerin in Romanen und Theaterstücken (u.a. tituliert mit „Arabboy“, „Arabqueen“, „Jungfernwahn“).

Nun versucht der AK das Allerwesentlichste zum Islam aus dem Verständnis der historischen Entwicklung her zusammenzufassen. Diese Zusammenfassung liest sich dann so: Mohammed lebte in einer Zeit (7. Jh. u. Z.) als es „in der Luft lag“, dass die Vielheit der nomadischen Stämme der arabischen Wüste sich „zusammenzufinden“; solch ein Prozess könnte sie in eine stabilerer Zukunft führen. (– Aber inwieweit Mohammed selbst diesen historisch bedeutsamen Prozess als Auftrag eines Erzengels und sich selbst als einen Prophet einer neuartigen Lehre dabei von Anbeginn an begriff, sei dahingestellt). – Es bildete sich also Anfang dieses 7. Jahrhunderts in verschiedenen Kämpfen eine sich rasch ausbreitende soziale und religiöse Bewegung, mit einer genau textierten Lehre, die zur Basis eines spirituell sehr konkreten missionarischen Auftrags[2] wird und auch zu einem weltlich sehr eroberungs-orientierten Ethos anleitet. Auch ein gewaltiger, ja gewalt-akzeptierender Pathos von „Heilsbringung“ – gerichtet an alle Völker in allen Ecken der Welt – war von Anbeginn an nahtlos in dieser Bewegung und seinem unantastbar-unveränderbaren Haupttext, eben dem Koran, inkludiert.

Kern dieser Heilslehre ist eine spezifische „Formgebung der Reproduktion und der Sexualität“ (wie Ähnliches fast in jeder organisierten Religion (=Konfession) der Fall ist). Die Kontrolle und meist auch die Mythologisierung von Sex ist in Konfessionen immer zentral, gleichsam das Fundament des Gebäudes fast jeder jenseits-bezogenen Organisation. Der Islam – einmal abgesehen von den, aus der Distanz betrachtet, relativ kleinen Unterschieden in der Ausprägung (Sunniten, Schiiten) – ist in seiner zentralen Richtunggebung für Wüsten-Nomaden in dieser Zeit auch gut verständlich: Der Schutz der Frau durch die Familie und den Stamm bedeutet einen besonderen einhegenden Schutz der Frauen als der Trägerinnen des Lebens – des Lebens der Familie und so auch des Stammes. Wasser und gesunde Gebärfähigkeit sind in einer riesigen Wüste, die ja nur wenige Menschen (zumal im 7. Jh.) ernähren kann, verständlicherweise zentrale Überlebensgüter. – Dies bedeutet aber für die einzelne Frau auch, dass ihre persönliche Freiheit (– ein Konzept, dass sowieso, auch in Europa, erst mit der Aufklärung und „politisch“ erst mit der französischen Revolution Platz gegriffen hat), dass also diese persönliche Freiheit der Frau dabei kaum zählt. Die Freiheitsgrade der Frau – von Emanzipation gar nicht zu reden – sind dabei nachrangig, ja ausgesprochen sekundär; in jenem 7. Jh. wurden sie zudem kaum wahrgenommen; dies stand überhaupt nicht zur Debatte und wäre auch kaum begreifbar gewesen, weder für Männer noch für Frauen.

Um also die Frau so komplett als möglich zu schützen, und damit auch die Stärke der Familie und indirekt auch die des Stammes zu vermehren, war (bzw. ist erstaunlicherweise noch heute, eben nun im Umbruch einer allgemeinen Zeitenwende auch zunehmend bei den Jungen weltweit umstritten) eine solche Familienregelung damals aber für Nomaden sozio-“logisch“ naheliegend. Dass die weiblichen Kinder daher von klein auf in der Familie besonders stark eingebettet waren, ja der Obhut und auch der Aufsicht der Familie eindeutig „unterstehen“, ist folgerichtig. Diese Behütung bedingt sogar eine Trennung der Geschlechter – selbst im Hause des Herkunftsfamilie, im Alltagsbetrieb, wo ein Patriarchentum in der Familie – mehr oder weniger deutlich – regiert und ein dementsprechendes Verhalten zumindest äußerlich gepflegt wird. Das Oberhaupt der Familie hat dabei die volle Autorität. Diese Autorität – wie bei Reitervölkern üblich – liegt bei den erwachsenen Männern, primär beim Vater, dann beim ältesten Sohnes usw. Die Männer der Familie haben dabei auch den Schutz der Lebensträgerinnen optimal zu gewährleisten, nicht zuletzt um damit auch den Wert als Familie (der sie ja auch zugehören) zu erhöhen. Der Wert der Tochter bzw. Schwester als zukünftiger Lebensspenderin, also als Gebärender und sodann Mutter, ist daher mit allen Mitteln zu gewährleisten. – Man denke besonders daran, dass Arabien mehr oder weniger eine riesige Sandwüste ist, und nur wenige Menschen – in der damaligen Zeit insbesondere – tragen kann. Wasser (Brunnen) und junge Frauen – werden daher zu Recht als Garanten des Überlebens gesehen.

Dieser Wert erhöht sich noch, wenn diese Töchter möglichst „rein“ sind, d.h. zunächst frei von Krankheiten, was im 7. Jh. (und sogar bis ins 19 Jh.) insbesondere durch die sexuelle Unberührtheit grundlegend mitgarantiert werden kann. Somit ist eine jungfräuliche Tochter mit größerer Wahrscheinlichkeit frei von allen möglichen Krankheiten, die etwa durch unkontrollierte Berührungen möglich wären. Sie ist sodann also auch „reiner“, wenn es einmal zu einer Ehe, und damit zu legalem Sex kommen sollte, und dies dann natürlich auch primär mit dem Ziel Nachkommen hervorzubringen. Daher soll auch möglichst standesgemäß und im besten Alter eine Ehe zustande kommen und vollzogen werden (– also evtl. wohl nach der Pubertät aber dennoch in möglichst jungen Jahren). Und der Ehemann soll damit garantiert auch der Vater der Nachkommenschaft aus dieser Ehe sein. Diese wird ja auch durch die Eltern der Tochter, in Vorabsprachen, auch wenn die Tochter noch sehr jung ist, festgemacht, und zwar zwischen den Familien (also formal zwischen den Familienoberhäuptern der Familien der Tochter einerseits und des potentiellen Bräutigams andererseits).

Daraus folgt eine dem aufgeklärten, ja betont liberalen Europa gegenüber geradezu konträre Haltung in allen sexuellen Fragen. Und im 21. Jh. haben Teile des sogenannten Westens sich sogar einer extrem libertären Haltung zugewandt (– eben unter Einbeziehung von homo- und transsexuellen Lebensstilen). Etwas, das in den Augen einer traditionell orientalischen Kultur auch im 21. Jh. noch allgemein als ein geradezu ausschweifender Lebensstil bei Mann und Frau – aber natürlich insbesondere bei der Frau – angesehen wird.

In Europa, ja im gesamten Westen jedoch ist

* der junge aber durchgreifende Feminismus mit grundsätzlicher Gleichberechtigung von Mann und Frau und auch
* die zunehmende Betonung allgemeiner individueller Selbstbestimmung,

fest etabliert. Konflikte zwischen dieser hypermodernen westlichen und der traditionell orientalischen Auffassung der Rolle und des Lebensstiles der Frau sind also unumgänglich und bei Zusammentreffen vorprogrammiert.– Die Frau im Westen ist ja in ihrer Lebensführung das Gegenteil einer strenggläubigen „Muslima“, die letztere insbesondere die jungen Jahre bis zur Eheschließung möglichst behütet in der Familie zubringen soll und meist auch muss; und dies wird teilweise auch bei im Westen lebenden muslimischen Familien durchgesetzt; und zwar erst recht, seit dies auch einen politischen Stellenwert im Kampf um die Missionierung der Europäer (der eigentliche Endzweck islamischer Anstrengung seit je) bekommen hat.

Eine westliche Frau und ihr freier Lebensstil wird also aus dieser Warte im Allgemeinen eigentlich bereits als relativ „liederlich“ betrachtet (und macht die Frau als Einzelne – fern der Behütung durch Familie und Familienangehörige – zu einer unehrenhaften Frau, einer Art „Freiwild“). Als Nicht-Muslima ist sie ungläubig und unrein zudem, – auch bedingt durch Essenskultur und den gesamten relativ freien Alltagsbetrieb. Vieles im Westen ist also teilweise „haram“ (fluchbeladen, im Gegensatz zu „halal“/heilig) – aus islamischer Sicht. Die allgemeine jugendliche Freizügigkeit und die oft schon in sehr jungen Jahren praktizierte Sexualität von männlichen und von weiblichen Jugendlichen im Westen, passt theoretisch also überhaupt nicht zu einer echten islamischen Lebensführung. – Was die Praxis der jungen und älteren Männer betrifft, so stand und steht dies von Anbeginn an auf einem ganz anderen Blatt; deren „Austoben“ wird von Anfang an augenzwinkernd geduldet, aber eben nicht bei den „ehrenhaften jungen Frauen“, so wie diese Männer ihre Töchter und Schwestern sehen und sehen wollen. (Aber „dieses Fass“ soll hier nicht weiter aufgemacht werden.)

Islam als Lehre und Praxis ebenso wie das Patriarchat als Lehre und Praxis fördern sich gegenseitig. Der Koran ist nicht nur eine theologische Abhandlung, er enthält geradezu Anleitungen für die Gesetzgebung, und fordert damit eine Form von Gottesstaat ein. – Die Frau hat – durch rechtsphilosophische Grundsätze abgesichert gesellschaftlich eine nachrangige Rolle: D.h. sie wird zwar behütet aber ebenso lebenslang in „die Fügsamkeit gebracht“, d.h. oft „unterdrückt“. Sie hat dabei z.B. die Polygamie ihres Mannes ebenso hinzunehmen, wie auch gegebenenfalls Schläge, und schließlich auch eine „Verstoßung“.

Auf den ersten Blick erstaunlich – aber vielleicht historisch als über Jahrhunderte gebräuchlich dennoch verständlich – ist auch die Rolle der Mutter(!) als Erzieherin. Als solche ist sie sogar die Haupt-Trägerin dieser Kultur in praxi, die den Umgang mit Söhnen und Töchter bereits auf diese Linie einstellt, – wo nämlich dem männlichen Nachwuchs viel erlaubt ist, dem weiblichen kaum etwas.

Kopftuch, kein Sport in Gegenwart männlicher Teilnehmer, evtl. Burka, kein Ausgehen ohne familiäre Begleitung, keine Arbeit ausser Haus, kein Studium etc., … ohne patriarchale Erlaubnis, – also ein Rundumschutz der so begriffenen Ehre der Tochter, – die gleichsam als Ehre der gesamten Familie die Tochter lückenlos umgibt und einhegt. – Kurz, die Frau ist im Islam permanent unterdrückt in ihrer Individualität, und als Person nur Teil der Familie ihrer Herkunft. Dann aber auch „ehrenwerter“ Teil ihrer eigenen selbst Kinder hervorbringenden Familie, wo sie als Mutter evtl. ihre Tochter traditionell wieder unterdrückt. – So sind auch die Gebote der Sharia verständlich, die all dies rechtlich drastisch absichern, und drakonische Strafen als Prävention vorsehen; da ja die menschliche Natur die Sexualität ohne diese enormen Strafdrohungen nicht im Zaum halten könne. – Dies ist die Theorie dieser Moral, die in der Praxis vielfach durchlöchert wird; sie wäre ja anders auch kaum lebbar für Mann und Frau. Dennoch erweist sich eine penible Durchführung in der Praxis als defacto Verhinderungsversuch aller denkbaren Gelegenheiten „zur Sünde“ (Europäer würden dazu sagen, „zur persönlichen Freiheit in der Lebensführung“). Doch die islamische Frau „gehört“ ja vor allem der Familie und nicht sich selber, und hat sich dementsprechend zu verhalten. – So die Tradition bisher, – wir werden sehen, wie lange dies den Möglichkeiten der Informationsgesellschaft standhält.

Dazu kommt, dass die strenggläubigen Anhänger des Islam – im Glauben, dass der Koran die letzte direkte Offenbarung Gottes an die Menschheit ist – sich oft verpflichtet fühlen, diese Botschaft an die Menschen über den gesamten Erdball auszubreiten, also möglichst alle Menschen zu „Islam-Gläubigen“ zu machen, und auch dafür deren Kern, die Familie, „rein“ zu halten versuchen.

Zwischen Islam und Aufklärung ist also auf den ersten Blick kaum ein Kompromiss denkbar.

Ob es einen „aufgeklärten Islam“ geben kann, ist zweifelhaft. – Aber evtl. könnte eine Ära kommen, die überhaupt wesentlich „religionsfreier“ ist; die Informationsgesellschaft könnte dies – indirekt – bewirken. – Die freie Wahl von Konfession (also von Offenbarungen, die den letzten Lebenssinn, das Jenseits und Gott bzw. das Universum zu „erklären“ versuchen, – wobei diese Offenbarungen durch die Jahrhunderte der Überlieferung auch in verschiedenste „legendäre Richtungen“ gehen können) einerseits und dabei auch die Wahl von Nicht-Konfession (inklusive von Formen von Agnostizismus, mit oder ohne rituellen Ausprägungen von Spiritualität) könnte sogar eine Vorstufe zu solch einer Ära sein. …

Eine freie Spiritualität jedoch könnte sich nämlich im Rahmen liberaler Lebensauffassungen von Zusammenleben und Person-sein sogar neuartig entfalten. Könnte dann der Dichterspruch „Es ist die Liebe die die Welt im Innersten zusammenhält“ besondere Bedeutung und zentrale Stellung bekommen? Und haben wir dann eine poetisch geformte Aussage, die ja gar nicht weit weg ist von den Kernaussagen aller bekannten Konfessionen – oder wenn man will „Religionen“, – die sich in diesem Punkt – evtl. sogar zentral – treffen. – Aber über diesen Pfad keine Vereinnahmungsgewalt – weder über Frauen noch über Männer – mehr haben; der Mensch wäre dann auch auf dieser Ebene endlich „freigegeben“.

Herbert Rauch

 

[1] Necla KELEK, Himmelsreise – Mein Streit mit den Wächtern des Islam, Köln 2010 (Klappentext vom Verlag Kiepenheuer u. Witsch, download über perlentaucher.de, vom 21.1. 2016) . – Necla KELEK wendet sich gegen die Verharmlosung des Islam und weist nach, dass er – trotz regionaler Unterschiede – immer Lebenskonzept, Ideologie und Politik zugleich ist. Ihr Credo: Wir müssen den Glauben von seinem patriarchalischen Missbrauch befreien und ihn spirituell rehabilitieren. Und endlich die Probleme anpacken, die unübersehbar mit Muslimen verknüpft sind – die verweigerte Gleichberechtigung der Frauen und die mangelnde Bildung der Kinder. – Über vier Millionen Muslime leben in Deutschland. Viele von ihnen sind gut integriert; Religion ist Teil ihrer kulturellen Identität. Sie wollen in dieser Gesellschaft ankommen, ohne von ihrem Glauben zu lassen. Aber es ist eine schweigende Mehrheit. Lauter sind jene, die demonstrativ Zeichen der Abgrenzung gegen die „Ungläubigen“ setzen und behaupten, dabei den Gesetzen ihrer Religion zu folgen. Mit diesen islamischen Traditionalisten, die Glauben zu Politik machen und sich zugleich als Opfer der hiesigen Gesellschaft stilisieren, setzt sich Necla Kelek auseinander.

 

[2] Cit. Wikipedia, v. 28.1.2016: „…der Gotteswahn (englisch The God Delusion) ist der Titel einer 2006 erstmals bei Houghton Mifflin im englischen Original erschienenen Monografie Richard DAWKINS‘, in der er sich gegen theistische Religionen und insbesondere gegen die drei abrahamitischen Weltreligionen wendet. Dawkins zentrale Thesen sind, dass jeder Glaube an Gott in all seinen Formen irrational sei und dass Religion in der Regel schwerwiegende negative Auswirkungen auf die Gesellschaft habe.[1] Das Buch war weltweit ein großer Verkaufserfolg und gilt seither als einer der Haupttexte des „Neuen Atheismus“…“