Leitlinien

Neue zivilisatorische Leitlinien

Wenn wir die heute gängigen kollektiven Vorstellungen, Wünsche und Ideologien hinterfragen, erkennen wir rasch die dringliche Notwendigkeit eines neuen zivilisatorischen Leitbildes. Dieses „Leitbild“ ist unseres Erachtens eindeutig das der Nachhaltigen Entwicklung.

Nachhaltige Entwicklung ist durch vier große allgemein-kulturelle „Leitlinien“ zu vertiefen. Diese Leitlinien sind auf einer Ebene über den konkreten politischen Handlungsfeldern angesiedelt und sie bilden in ihrem Zusammenspiel das „Steuerrad“ der Umsetzung. Wir verstehen die vier Leitlinien der Wiener Deklaration für eine zukunftsfähige Weltordnung wie folgt:

– Verfeinerung
– Erdung
– Globalsolidarität
– Aktivverantwortung

Verfeinerung

Verfeinerung verstehen wir als das Grundprinzip einer stetig lernenden Gesellschaft. Sie ist die Kunst und Kultur der Verwandlung gesellschaftlicher und individueller Lebensformen in intelligentere, menschlichere und damit „zukunftsfähigere“. Verfeinerung meint eine Form von Wachstum und Entwicklung, die geeignet ist, das heute herrschende natur- und kulturverschlingende Fortschrittsdenken zu korrigieren. Das Prinzip Verfeinerung baut grundsätzlich auf die Zukunftsfähigkeit gesellschaftlicher Prozesse, d.h. auf deren Revidierbarkeit und die Möglichkeit, gemeinsam neue, bessere Entwürfe zu versuchen. Es setzt daher überall die Kraft zur Re-Vision und die Fähigkeit zum Entwurf neuer, gültigerer Ziele voraus. Dieses Prinzip umfasst Formen des Konsums, des Wirtschaftens und der Wissenschaften, ebenso wie das Soziale und das Ganzheitliche.

Erdung

Erdung steht für Respekt und Verbindung mit der Erde und ihrer Anerkennung als unserer einzigen Lebensgrundlage. Das kommende Weltethos ist auch durch ein neues Verhältnis zur Erde gekennzeichnet. In dem Bewusstsein, dass die Erde unsere einzige Lebensgrundlage darstellt, wird das „Maß“ künftigen Wirtschaftens von der Tragfähigkeit der Erde und ihrer Güter abhängen. Das soll in Produktion, Geldverkehr, Steuerpolitik und sozialer Grundversorgung bedacht und wirksam werden. Darüber hinaus bauen wir auf ein „Erdenbewusstsein“, das die Natur als unersetzbaren Raum menschlicher Erfahrung erkennt und daher bewahrt, kultiviert und erschließt, damit wir unserer neuen moralischen Verantwortung in der Interaktion mit allen Systemen des Lebens gerecht werden können.

Globalsolidarität

Globalsolidarität ist Ausdruck eines gelebten Bewusstseins starker Verbundenheit innerhalb der einen Welt- und Menschenfamilie. Der Leitwert Globalsolidarität speist sich aus dieser neuen Qualität der Verbundenheit, des Wissens um Verletzlichkeit und des Mitfühlens. Immer mehr Menschen verstehen sich heute nicht nur als Teil einer Familie, einer Kommune oder einer Nation, sondern lernen sich menschheitlich verbunden zu fühlen. Worauf wir – diesseits von Not und Überlebensfragen – bauen ist daher eine Orientierung am Gemeinsamen unserer „planetarischen“ Situation, und noch grundsätzlicher am geschwisterlichen Wohlergehen aller, weil sie „da sind“. Dazu gehört, als die ethische Herausforderung der Gegenwart, Verbundenheit mit dem fernen, unbekannten Nächsten zu entwickeln und daraus zu handeln.

Aktivverantwortung

Aktivverantwortung meint ein couragiertes, persönliches Engagement jedes einzelnen Menschen für eine zukunftsfähige Welt. Viele Menschen empfinden heute, dass ihre Arbeits- und Initiativkraft mit ihrer Würde und ihrem Platz in der Weltgesellschaft zu tun hat. Sie fühlen zugleich, dass sie meist weit unter ihren konstruktiven Möglichkeiten bleiben, und dass es nur selten gelingt, einen Beitrag zu den gemeinsamen Entwürfen eines „guten Lebens“ zu leisten. Dafür müssen Initiativkräfte und Leistungsbereitschaft zurück gewonnen werden. Das geschieht, indem Handlungsperspektiven aufgezeigt und Formen von Einmischung geschaffen werden, in denen jemand für etwas Verantwortung übernehmen kann, damit das Gefühl der Verbundenheit zu Menschen und zur Erde auch fruchtbar wird. Die Deklaration zeigt eine Reihe solcher Handlungsperspektiven auf.