Scheiße ist die Lösung

Prof. BLUM (BOKU, Wien) brachte am 11. Juni 2015 das „globale Bodenproblem“ im Vortragssaal der Kommunalkredit-Bank mit vielen übersichtlichen Tabellen und Diagrammen schließlich auf den Punkt: „Mehr Scheiße wäre die bessere Lösung“:
Was wie ein launischer Witz klingt, ist buchstäblich zu nehmen, in dem Sinn, dass wir durch eine stärkere Kreislaufführung von Stoffen zur Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit beitragen und damit zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft kommen. Um vieles heute (2015) genauer zu verstehen, lesen wir besser die Kurzfassung des Vortrages von Prof. Winfried BLUM direkt:
Böden und globaler Wandel – wo stehen wir im Internationalen Jahr des Bodens 2015?

 

  1. Die Bedeutung des Bodens

Böden sind lebenswichtig. Sie erzeugen Nahrung, Futtermittel und nachwachsende Rohstoffe (einschließlich Bioenergie) und filtern Regenwasser, wodurch sauberes Grundwasser entsteht, das für Trinkwasserzwecke genutzt werden kann. Sie sind gleichzeitig die größte Genreserve der Erde mit der höchsten Biodiversität. Böden sind jedoch auch die Basis für unsere Lebens-, Arbeits- und Erholungswelt in Form von Straßen, Gebäuden, Sporteinrichtungen u.a. Zu deren Errichtung benutzen wir Materialien aus dem Boden, wie z.B. Ton, Sand, Kies und Schotter. Böden sind darüber hinaus Zeitzeugen, die uns helfen unsere Geschichte und die unserer Umwelt zu verstehen. Weltweit sind ca. 12 % der Landoberfläche als Ackerflächen für die Herstellung von Lebensmitteln und hochwertigen Biomasserohstoffen geeignet, ca. 24 % als Weideland und ca. 31 % als Wald. 33 % der Landerdoberfläche sind für Pflanzenwachstum ungeeignet. Sie sind zu trocken, zu kalt oder nicht ausreichend mit Böden bedeckt.

 

  1. Der Bodenverlust schreitet voran

Auf den 12 % der Erdoberfläche leben ca. 25 % der Weltbevölkerung und erzeugen alle im Handel befindlichen Nahrungsmittel. Ungefähr zwei Drittel dieser wichtigen Produktionsflächen liegen auf der Nordhalbkugel, nur ca. ein Drittel auf der Südhalbkugel. Diese agrarischen Produktionsflächen werden zunehmend kleiner, weil wir täglich große Bodenflächen für die Errichtung von Gebäuden, Straßen, Parkplätzen und anderen Infrastruktureinrichtungen versiegeln. Im Gesamtraum der EU 28 sind das derzeit ca. 700 bis 800 ha pro Tag, davon allein in Deutschland ca. 90 bis 120 ha, in Österreich ca. 15 bis 20 ha pro Tag. Ursache hierfür ist, dass unsere Vorfahren neben Wasser die besten Böden ausgesucht haben, um dort zu siedeln. Diese Siedlungen sind inzwischen zu urbanen Zentren angewachsen, deren Ausdehnung immer noch weiter zunimmt.

In der EU 28 gehen damit jährlich ca. 1500 bis 2000 km2 wertvoller Boden verloren, wobei weitere erhebliche Bodenverluste durch Erosion, starke Verschmutzung, Verluste der Bodenfruchtbarkeit durch Verringerung der organischen Substanz, Verdichtung, Rutschungen und teilweise auch Versalzungen nicht mitgerechnet sind. Während derzeit die Versiegelung in den Industrieländern durch eine ökonomisch bedingte steigende Nachfrage nach Wohnflächen und industriellen Produktions- und Verkehrsflächen voranschreitet, sind Versiegelungen in den Entwicklungsländern zusätzlich auf den starken Bevölkerungszuwachs zurückzuführen.

 

  1. Die Erzeugung von Bioenergie ist Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion

Darüber hinaus werden seit einigen Jahren in verstärktem Maße Agrarprodukte für die Erzeugung von Bioenergie, insbesondere von Biotreibstoffen, benutzt, was in Konkurrenz zur Nahrungsmittelbereitstellung steht. Laut FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) und OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) wurden 2011 weltweit bereits ca. 13 % allen erzeugten Getreides und 35 % allen erzeugten Rohrzuckers zu Äthanol und 16 % aller pflanzlichen Öle zu Biodiesel verarbeitet – mit steigender Tendenz. Für 100 l Äthanol im Tank eines großen PKWs werden ca. 280 bis 300 kg Getreide benötigt. Damit könnte ein Mensch ein ganzes Jahr lang ernährt werden. Wir benötigen jedoch für die jährlich um 80 bis 85 Millionen wachsende Weltbevölkerung sowie die mehr als 100 Millionen Menschen, die jährlich aus ländlichen Regionen in die Städte abwandern und daher keine Lebensmittel mehr selbst erzeugen können, zusätzliche Nahrung. Derzeit hungern schon mehr als eine Milliarde Menschen, vor allem in Afrika und in Asien.

 

  1. Unser Konsumverhalten verschärft die Situation

Der steigende Bedarf an Nahrungsmitteln wird noch verschärft durch die zunehmende Nachfrage nach Fleischprodukten, welche die Menge des zur Verfügung stehenden Getreides zusätzlich verringern. Für 1 kg Hühnerfleisch werden ca. 2 bis 3 kg Getreide, für 1 kg Schweinefleisch ca. 4 bis 5 kg und für 1 kg Rindfleisch ca. 7 bis 10 kg Getreide oder Getreideäquivalente benötigt. Dabei ist nicht mit eingerechnet, dass in Industrieländern bis zu ein Drittel der gekauften Nahrung meist unausgepackt in den Müll wandert, und der Kostenaufwand für pharmazeutische Mittel zur Bekämpfung von Fettsucht und Übergewicht bei weitem ausreichen würde, um einen großen Teil der weltweit hungernden Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Zusätzlich führen neue ökonomische Strategien und Instrumente in der Herstellung sowie vor allem im Handel von Nahrungsmitteln, die durch Spekulation gekennzeichnet sind, zu einer starken Fluktuation der Preise, meist in steigender Richtung, wie die Jahre 2008 und 2009 und aktuelle Entwicklungen deutlich gezeigt haben.

 

  1. Die Landreserven für die Nahrungsmittelproduktion gehen aus

Aufgrund der geschilderten weltweiten Entwicklung gehen inzwischen zahlreiche Staaten davon aus, dass ihre Landreserven für die Erzeugung von Nahrungsmitteln und/oder Bioenergie nicht mehr ausreichen werden. Länder wie z.B. China, Indien, Südkorea und zahlreiche andere – ebenso wie Großbanken und große Industrie- und Versicherungsunternehmen – kaufen oder pachten daher Landflächen in fremden Ländern, vor allem in Entwicklungsländern Afrikas, Asiens und Südamerikas, was überwiegend negative soziale und ökonomische Auswirkungen für die dort lebende Bevölkerung hat. Laut Weltbank wurden bis 2011 insgesamt mehr als 700.000 km2 Flächen auf diese, als „land grabbing“ bezeichnete Art erworben, davon ca. 70 % in Afrika. Diese Fläche entspricht annähernd der gesamten Agrarfläche Deutschlands, Frankreichs und Italiens zusammen.

 

  1. Der Klimawandel tut sein Übriges

Zusätzlich schwinden durch den Klimawandel in zahlreichen Regionen der Erde die Wasservorräte für die Nahrungserzeugung durch Bewässerung, gleichzeitig erhöhen steigende Temperaturen den Wasserverlust durch Verdunstung und den Wasserverbrauch durch die Pflanzen. So reichen z.B. im Mittelmeerraum schon heute die Wasservorräte für eine maximal mögliche Erzeugung von Nahrungsmitteln nicht mehr aus und machen eine Erzeugung von Biotreibstoffen zunehmend illusorisch, auch weil dort für die Erzeugung von 1 kg Mais ca. 770 Liter Wasser benötigt werden. Für 1 Liter Äthanol aus ca. 3 kg Mais sind dies 2,3 m3 Wasser, wodurch bei einem Preis von 0,4 Euro pro m3 Wasser 1 l Äthanol mit 1 Euro allein für Wasserkosten belastet ist.

 

  1. Die Zukunft ist kritisch

Diese geschilderte Gesamtentwicklung ist alarmierend. Die Wissenschaft kann hierbei nur die Szenarien aufzeigen und die Probleme verdeutlichen. Entscheiden müssen aber die Politiker und weitere Entscheidungsträger. Wir stehen inzwischen an einer Wende, mit gefährlichen Entwicklungen bezüglich weltweiter Ernährungssicherung und der Erhaltung sozialer, ökonomischer und ökologischer Lebensbedingungen für große Teile der Weltbevölkerung. Daran sollte uns das Internationale Jahr des Bodens 2015 erinnern.

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Referent:  em. Prof. DI. Dr. Dr.h.c.mult. Winfried E.H. Blum, Universität für Bodenkultur, Wien. winfried.blum(at)boku.ac.at

Zusammenfassung Herbert Rauch