SCORSESE stellt den “American Dream” zur Diskussion – The WOLF of WALL STREET.

Kritischer Kommentar von Herbert Rauch:

Wieder einmal ist Scorsese – auch in der Ära des Fernsehens und Internets – ein BOX-OFFICE-HIT gelungen. Wie bei Wall Street 1 – wo er einen Broker namens „Gecko“ (gedacht als „nomen est omen“) abschreckend zur Schau stellen wollte. Aber Scorsese irrte sich gewaltig. Die Jungen nehmen ihn eher als Idol und Vorbild, dann als Abschreckung.

Wieder könnte Scorsese die „Finanzentwicklungs-Idiotokratie“ mit dem „WOLF“ anheizen, anstatt – wie er wahrscheinlich vorhatte – mit gewaltigem Kinoaufwand die dem Betrug entgegenkommende Börsenwirtschaft und die Broker(ei) zu enttarnen und die Jugend abzuschrecken.

Gecko, der Aktien-Hai in Wall-Street 1, hielt ein kleine aber eindrucksvolle Rede vor jungen Brokern bzw. Ivy-League-Studenten, die auch mal Derartiges werden wollten. Er baute ein paar einleuchtende Argumente auf, und gab dann seine Motivation preis: GIER. Mit zynischem Lächeln, die evtl. Reue oder wenigstens Ambivalenz andeuten sollte. So meinte Scorsese angeblich, nun das ganz Broker-Business und ihre Spekulationsmanipulationen abschreckend dargestellt zu haben: Die Jungen würden verächtlich diese Sparte nun links liegen und solche Karrieren bei Seite lassen. Dies war damals ein totaler Irrtum.

Die vom „amerikanischen Traum“ seit Kindheitstagen vollgepumpten Studenten und Kinogeher „johlten“ nun wieder beim neuen Film „The Wolf of Wall Street“ vor unverhohlenem Vergnügen: Endlich wurde das Kind beim Namen genannt (Lügen, Betrügen, „Sexzesse“ feiern). Und das Kind war damit beim Namen genannt und öffentlich legitimiert! Und nicht delegitimiert! Das Mittel: „Spekulation, die nicht als illegal nachweislich strafbar macht, ist prima!” Der Abkürzungsweg zum “tollen geilen Leben”: Geld, Sex, Spannung, ja als Persona „important” zu werden, ist tatsächlich schnell möglich, weil man große Zahlen verkaufen (!) kann.

Nun, letzteres könnte bald als die “amerikanische Krankheit” bezeichnet werden:

  • Wirtschaftlichkeit vorgaukeln,
  • vermarkten was es gar nicht gibt, noch nicht gibt, vielleicht nie geben wird.

Wo aber Hoffnung manipulierbar ist. Teilhabe am “korrupten Geschiebe“ ist möglich und bringt in den USA auch heute noch Anerkennung, Scorsese sagt es offen aber bildreich indirekt. Man kann dabei sogar „legal reich” werden. -Die Kunst mit Luftblasen “reich” zu werden heißt „Extrem-Marketing“. Also verkaufen was es nicht gibt an die Dummen, die auf Hoffnungsträume immer und immer wieder reinfallen.

Diesmal zeigt Scorsese nach einer wahren(!) Geschichte solch eine besonders steile Broker-Karriere und er zeigt sogar recht genau „WIE“ das geht oder gehen könnte:
Mit sicheren Aktien macht man ein paar tausend Kleinbürger an, lässt sie mal gewinnen (wie beim Hütchen-Spiel der Straßenganoven). Sie gewinnen 10, 20, mal sogar 25%, der Fachman hat die Börsenkurse richtig eingeschätzt. Man hat sie den „Neulingen“ aufgeschwatzt, sie ein wenig Provision kassieren lassen. Und siehe da, diese sind um diese Prozente “reicher” geworden. Die Kleinbürger-Neuanleger freuen sich. Wooh, ist ja ein geiles Spiel, nur telefonieren braucht man und zack, schon haben sich die paar Tausender, die man sich vielleicht schwitzend abgespart hat, um 25% vermehrt. Man will diese 25% nun haben.

Aber nun kommt der “Broker-Trick”, die hohe “Kunst des Aktien und Wertpapier-Marketings: Man darf nun keinesfalls zulassen, dass der liebe Kleinbürger diesen Kleingewinn in bar „eincasht“. Nein, man muss reden wie ein Wasserfall: Man hätte eine Supersache am Haken und nun müsse der Kleine einsteigen mit allem was er gerade gewonnen hat. Dann könne er wirklich “echt reich” werden: Und das wolle er doch (oder?), sich nicht mit den “peanuts” von 25% begnügen und damit wieder nur in der Kneipe sitzen. Nein, jetzt was richtig anlegen, dann gäbe es die tollen Reisen, tollen Frauen, tollen Bekannten. Man steige eben auf zu den “Reicheren Kreisen”, neue Welten tun sich auf… Also: der zappelnde Fisch am anderen Ende der Leitung hat noch 60 Sekunden für seine Entscheidung bei dieser „großen Chance“! Denn da wäre auch schon jemand in der anderen Leitung und wartet: Entscheiden Sie sich! Und der kleine Fisch beißt an, … und der Superbroker hat Wertloses gut verkauft, viel Geld eingesammelt – nur per Telefon. Er arbeitet mit der Stimme, mit Argumenten, seidenweich aber schlau aufgebaut und vielfach bringt er die kleinen Bürger dazu ihre paar Tausender zu investieren. Viele Dumme summieren sich bei der sofort kassierbaren Provision. Und der Broker wird schnell echt sehr reich..

Investieren heißt das Zauberding in Amerika, wo von selber wachsen soll und dann all die Sachen verfügbar machen soll, die zwar bald oft mal im Müll oder im Drama der zerstrittenen Ehe oder Intrigen landen. Aber das weiß der kleine Bürger noch nicht. Der Film malt dies aus… Geld und Sex (507 mal kommt das Wort fucking vor, schreibt der SPIEGEL) bis zum Kotzen – sollte man meinen?

Auch nach Wallstreet 1 mit Micheal Douglas ging das Spiel auch in der Realität munter weiter, eher angeheizt als abgebremst. Scorsese will vielleicht warnen – drastisch. Mit den Exzessen der als hässlich gezeichneten Menschen in diesem Verkaufskarussell. Aber er überschreitet m.E.n. auch alle Grenzen guten Geschmacks: er zeigt Ganovenvergnügen und züchtet immer mehr Ganoven. Das soll „Amerika“ sein? Zeigen was es alles aushält?

Wieder könnte sich der Meister gewaltig irren. Die jungen Leute, Jungs und Mädchen, eher Mittelschicht und Jungakademiker, die im vollen Gartenbaukino die Zuseherreihen füllten, johlten begeistert mit bei den Exzessen von Sex, Drugs and Marketing-Rock-and-Roll (bildlicher geht‘s nimmer). Dann kommt man auch noch mit etwas Schmiergeld bloß verbannt nach Neuseeland, um eine echte Strafe herum. Das Familienleben des „Wolf“ allerdings ist kaputt, das wird auch gezeigt – verantwortungslos fährt ein Vater im Ehestreit mit der Tochter am Beisitz des Ferrari voll mit Drogen durch ein Garagentor einfach durch, weil ein Superauto einfach alles kann.
YOLO gezeigt – You only live once.
Cheers!

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