SOMMERGESPRÄCHE – Offener Brief an die Bundessprecherin der Grünen Eva GLAWISCHNIG:

Es tut mir leid, Fr. Dr. Eva GLAWISCHNIG, aber das war Fashion-TV, sie sind fein angezogen, haben wohlfeile (fehlerfreie, evtl. coole) Antworten parat, – und fühlen sich in der Rolle der Bundessprecherin „gut aufgehoben“…

Aber wozu gibt es eigentlich eine sog. „Grüne“ Partei: damit ihre Sprecherin in der gesamten Vision und Perspektive kaum einen Unterschied zu allen anderen „Bürgerlichen Parteien“ aufweist – obwohl sie als Bundessprecherin natürlich betonen, weder bobo noch politisches Modell zu sein. Denn auch das Vokabular einer Nachfolgerin von Freda MEISSNER-BLAU strotzt von Ausdrücken, die sich von Gewerkschafts- und Industriellenverband kaum unterscheiden:

„Nachhaltiges Wachstum … Öl- und Gasabhängigkeit vom Ausland möglichst reduzieren.“

„Arbeitsplätze schaffen, – wenn eben geht mit Erneuerbarer Energie.“

„Integration, – und noch besser integrieren (das soll alle Migrationsproblematik verschlucken), – natürlich gilt Glaubensfreiheit, Toleranz – und „Verbote sind out…“

„Flüchtlingsproblem… – Österreich sollte endlich zulegen in der Entwicklungszusammenarbeit.“

„Österreich hat die Voraussetzungen um ein Leitmodell für Europa und die Welt pionierhaft anzubahnen … wir haben bereits – als Selbstverständlichkeit z.B. die Mülltrennung …“

Der Moderator Hans BÜRGER hilft einen Schritt weiter: „Wohlstand ohne Wachstum – ist das nicht schon denkbar geworden, in Deutschland und auch in Großbritannien versucht man Wohlstand bereits anders zu „vermessen“: Man diskutiert die Glücksindexe u.ä. … Und Christoph Chorherr propagiert z.B. die Errichtung von „Charter-Cities“[1] in den Drittweltländern, aus denen die Flüchtlinge kommen. Ähnlich auch Frank STRONACH vor einer Woche, was übrigens erstaunlich viel Widerhall fand „das Schutzzonen-errichten mit UNO-Truppen etc… .“

„… Ja, das sollten wir alles mehr angehen, Schritt für Schritt, mein erster Schritt zielt auf die Energiefrage … und das grüne Wachstum zielt auf einen Wohlstandsgewinn ohne Vernichtung von Lebensgrundlagen … kurz, ich mache mir schon Sorgen um meine Kinder und Enkel, die in unseren Breiten evtl. enormen Temperaturanstieg ausgesetzt sein werden …“

Ja, Frau Bundessprecherin, Sie haben niemanden vor den Kopf gestoßen. Danke für das Gespräch, aber hätte man aus solch einer Stunde nicht mehr machen können?

Herbert Rauch

 

 

[1]              ZEIT Wissen Nr. 04/2012: Der Wirtschaftsprofessor Paul ROMER will in Honduras die perfekte Stadt errichten. Sie soll völlig unabhängig sein, eine eigene Verfassung haben – und Menschen aus ganz Mittelamerika, die sonst in die USA flüchten würden, eine Zukunft bieten.

ZEIT Wissen: Professor Romer, Honduras hat Ihnen 1.000 Quadratkilometer Brachfläche anvertraut, um eine neue Stadt zu gründen. Was haben Sie damit vor?

Paul Romer: Das Ziel ist, eine Stadt für bis zu zehn Millionen Einwohner zu errichten, die sozial, ökonomisch und politisch vorbildlich ist. Die honduranische Regierung hat sogar die Verfassung geändert, um eine Sonderwirtschaftszone einzurichten.

ZEIT Wissen: Mit Ihnen als Oberhaupt?

Romer: Ich persönlich werde keine Kontrolle haben. Das Urbanization Project hier an der New York University und ich sind unbezahlte Berater.

ZEIT Wissen: Sie wollen Ihre Vision einer Charter City verwirklichen. Was verbirgt sich dahinter?

Romer: Die höchste Lebensqualität, die besten Bedingungen und die größten Chancen bieten gut geführte Städte. Daher wollen ja so viele in diesen Städten leben. Es gibt politische Führer, die das erkannt haben und ihre Länder reformieren wollen, aber oft auf verschiedenste Widerstände stoßen. Meine Idee ist, neue Städte mit eigenen Regeln – einer eigenen Charta – zu errichten. Dann können die Menschen selbst entscheiden, ob sie dorthin ziehen wollen oder nicht.

Ein unklares Rechtssystem, Korruption und mangelnde Sicherheit für die Bevölkerung verhinderten den wirtschaftlichen Aufschwung in vielen Entwicklungsländern, meint Paul Romer. Die Charter City soll deshalb eine eigene Verfassung und Gesetze haben, für deren Einhaltung private Sicherheitsfirmen und Richter aus etablierten Demokratien sorgen. Das werde Investoren anlocken.

Anfangs werde es fast nur einfache Arbeitsplätze geben, etwa in der Textil- und Spielzeugindustrie. Passend dazu würden Immobilienfirmen einfache Häuser mit preiswerten Wohnungen errichten. Die Infrastruktur, von der Wasserversorgung bis zum Flughafen, sollen Privatfirmen gegen Gebühren bieten.

ZEIT Wissen: Was steht denn in der Charta drin?

Romer: Die Charta ist eine Art Verfassung. In der honduranischen steht etwa, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Das klingt vielleicht banal, aber unterscheidet die Stadt zum Beispiel von Dubai, das viele als vorbildliche Boom-Metropole ansehen.

ZEIT Wissen: Wie machen Regeln einen Ort lebenswerter?

Paul Romer: Sein Vortrag auf der Konferenz für Technologie, Entertainment und Design (TED) machte Furore. Dort stellte der Volkswirt Paul Romer, geboren 1955 in Denver, sein Konzept der Charter Cities vor. Das Video davon überzeugte einen Berater des Präsidenten von Honduras: In dem Land soll nun eine Millionenstadt nach Romers Vorstellungen entstehen. Romer, Sohn des ehemaligen Gouverneurs von Colorado Roy Romer, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der New York University. Zuvor lehrte er 15 Jahre an der Stanford University.

Romer: Nehmen Sie zum Beispiel Hongkong : Einst war es ein kleiner Fischerort in China, den die Briten mit Gewalt erobert haben. Im Nachhinein sehen viele Chinesen darin aber keine Niederlage, sondern einen Gewinn. Die Briten haben in Hongkong ein neues Regelwerk etabliert, das viele neue Einwohner angezogen hat. Das war eine Erfolgsgeschichte – und auch ein Ansporn für Reformen in vielen anderen Regionen. Zahlreiche Einwanderer haben ihre Erfahrungen inzwischen aus Hongkong in ihre Heimat zurückgetragen.

ZEIT Wissen: Aber Hongkong ist doch nicht mit Ihrer Stadt vergleichbar. Es ist über Jahrzehnte gewachsen.

Romer: Sie können sich auch Shenzhen gleich nebenan anschauen, das in eine Sonderwirtschaftszone verwandelt wurde. Die Stadt war stets unter der Kontrolle Pekings, hat aber viele Ideen aus Hongkong kopiert. Mehr als zehn Millionen Menschen sind binnen weniger Jahrzehnte nach Shenzhen gezogen und haben dort einen Job gefunden.

ZEIT Wissen: Die Menschen dort arbeiten zum Teil unter sehr schlechten Bedingungen.

Romer: Glauben Sie nicht alles, was in den Boulevardzeitungen steht. Zwischen 1980 und 2008 ist das Bruttosozialprodukt von 4 Millionen auf 14,5 Milliarden Dollar gestiegen. Das Pro-Kopf-Einkommen wuchs von 122 auf 13.196 Dollar. Shenzhen war der erste Ort auf dem chinesischen Festland, an dem Arbeiter frei entscheiden konnten, wo sie arbeiten wollen, und an dem es einen Mindestlohn gab. Shenzhen hat die Armut in der Region verringert – es hat mehr erreicht als viele Hilfsprogramme.