Verheerendes Wachstum – Asien braucht ein ganz anderes Wachstumsmodell

Chandra NAIR[1] Hongkong
(publ. in LeMONDEdiplomatique, Januar 2015; Schlussabsätze sind hier wiedergegeben)

„ …Asien sowie ein Großteil der Schwellen- und Entwicklungsländer bewegen sich derzeit auf einen Abgrund zu. Sie sind in einer ähnlichen Situation wie die USA vor 60 Jahren, als sie die ökonomischen und politischen Institutionen schufen, die die Welt bis heute prägen. Nun verschiebt sich der wirtschaftliche und politische Einfluss nach Osten, und die Länder Asiens haben das Privileg, aber auch die Verantwortung, die Institutionen aufzubauen, die für die nächsten fünfzig Jahre Bestand haben werden. Ihnen wird gesagt, sie seien die Zukunft der Weltwirtschaft und die Erben der westlichen Wirtschaftstradition. Die asiatischen Eliten sollten sich jedoch hüten, ihrer Bevölkerung den Lebensstil und die Konsumgewohnheiten des Westens aufzudrängen, und stattdessen lieber ein alternatives Entwicklungsmodell schaffen und umsetzen, das von der Begrenztheit der Ressourcen ausgeht. Dabei sind vier häufig vernachlässigte Faktoren zu berücksichtigen.

(1) Erstens die demografische Entwicklung: Hier konzentriert sich die Debatte auf Themen wie sinkende Geburtenraten, Migrationsströme und die Alterung der Gesellschaften. Weit weniger Aufmerksamkeit erfährt die ebenso wichtige Frage des Stadt-Land-Gegensatzes. Die ländliche Bevölkerung in Afrika und in Asien ist von lebenswichtigen Infrastrukturen abgeschnitten. Sie müsste über bessere Transportmöglichkeiten, Bewässerungsanlagen, Kommunikationsmittel und vernünftige Lagerungsmöglichkeiten verfügen, damit weniger Waren verderben und die Bauern ihre Produkte auf den Märkten in nahe gelegenen Städten verkaufen können. Auch die schlechte Versorgung der ländlichen Regionen mit Trinkwasser, Strom und sanitären Anlagen treibt viele Landbewohner in die städtischen Slums, in denen weltweit heute über eine Milliarde Menschen leben. Investitionen in die dörfliche Wirtschaft würden dieser gewaltigen Migrationswelle entgegenwirken, die bereits dazu geführt hat, dass in den Entwicklungsländern große Teile der ländlichen Gebiete verlassen daliegen, während gleichzeitig die Lebensbedingungen in den Megastädten immer chaotischer und menschenunwürdiger werden.

(2) Zweitens die Bildung: auch hier geht es bei den Debatten – und den Investitionen – vornehmlich um technische Fertigkeiten und Universitätsabschlüsse. Genauso wichtig wäre es aber, wichtige Zukunftsfragen wie die Grenzen des Wachstums, die angemessene Inwertsetzung von Gütern und Dienstleistungen und die Bedeutung der Rechte des Einzelnen an allen akademischen Institutionen in Lehre und Forschung einzubeziehen, So könnten alternative Ideen größere Verbreitung finden und vielleicht auch das Denken von Politikern beeinflussen, die Wachstum durch Konsum immer noch für alternativlos oder unproblematisch halten.

Gegenwärtig wollen uns die Mainstream-Medien weismachen, bedenkenswerte Ideen kämen vor allem von der im Westen ausgebildeten „kosmopolitischen“ Elite, die sich an den globalen Medien orientiert, zu denen sie auch exklusiven Zugang hat. Sie sind die Befürworter jedweder gängigen Orthodoxie, aber wenn sich der Wind dreht, ist es stets ein Mitglied desselben Klubs, das für das Neue eintritt. Solange die Weltöffentlichkeit von anderen Ideen – zumal solchen, die westliche Politiker widerwärtig finden, wie etwa Konsumbeschränkungen oder die Einschränkung bestimmter persönlicher Freiheiten – nicht erfährt, wird sie in ideologischem Schubladendenken und Ignoranz befangen bleiben.

(3) Drittens der Staat und seine wirtschaftlichen Aufgaben: Der Staat hat das Wohlergehen der Gesamtgesellschaft zu schützen – nicht nur das Leben und den Besitz der einzelnen Bürger. Ein Hauptaugenmerk muss dabei der preislichen Unterbewertung der natürliche Ressourcen, aber auch lebenswichtiger Güter, wie sauberer Luft und Trinkwasser, gelten. Nur wenn die tatsächlichen Kosten dieser Ressourcen in den Endpreis der Produkte und Dienstleistungen eingehen, können Staaten die weitere Verschmutzung von Böden, Wasser und Luft verhindern. Deshalb muss der Staat hier aktiv und vorausschauend eingreifen, strenge Schutzmechanismen durchsetzen und gegebenenfalls auch die Nutzung und den Verbrauch endlicher Ressourcen begrenzen. Private Unternehmen sollten nur innerhalb solcher staatlicher gesetzten Grenzen agieren können, so sehr das den westlichen Weisheiten zuwiderlaufen mag. Schließlich gibt es Gesetze und Vorschriften für vieles, vom Waffenbesitz über das Rauchen in öffentlichen Räumen bis hin zur Einschränkung der Redefreiheit bei rassistischer Hetze oder bei Aufrufen zu religiös motivierter Gewalt. In all diesen Fällen sind der individuellen Freiheit Grenzen gesetzt, die dem Schutz des Gemeinwohls dienen – sie beschränken die Interessen der wenigen und wahren die Interessen der vielen.

(4) Schließlich die Berücksichtigung der externalisierten Kosten: Nur wenn die „Dienstleistungen der Natur“ in Preisberechnungen einfließen, können auf mittlere Sicht schwere Umweltschäden verhindert, aber auch das Wirtschaftswachstum verlangsamt und die Möglichkeiten demonstrativen Konsums beschränkt werden. Um einen Systemwechsel herbeiführen zu können, müssten sich auch die Institutionen der internationalen Zusammenarbeit verändern, die derzeit immer noch von den westlichen Staaten dominiert werden, entweder strukturell – wie in der UNO – oder de facto wie bei der Welthandelsorganisation (WTO).

Laut Joseph STIGLITZ, Wirtschaftsnobelpreisträger und einst Chefökonom der Weltbank, profitierten von den WTO-Abkommen, die in den ersten fünf Jahren nach deren Gründung 1995 vereinbart wurden, die entwickelten Länder zu 70 Prozent und damit weit mehr als die Entwicklungsländer, in denen 85 Prozent der Weltbevölkerung leben. Mit solchen Methoden grenzt man genau die Großregionen aus, nämlich Asien und Afrika, auf die die Welt am meisten angewiesen sein wird, wenn wir in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung zusteuern wollen. Das führt außerdem zwangsläufig dazu, dass die Führungseliten in Asien, wenn die globalen Einfluß- und Machtstrukturen sich erst zu ihren Gunsten verschoben haben, dem aktuellen Modell entsprechend ebenfalls nur ihre eigenen Interessen verfolgen werden, statt im Interesse eines übergeordneten Gemeinwohls Kompromisse zu schließen.

Es spricht einiges für die Annahme, dass der Zeitpunkt für Veränderungen gekommen ist. Vor der weltweiten Finanzkrise waren nicht viele Menschen geneigt, das System infrage zu stellen. Doch seit sich im Modell des westlichen Kapitalismus tiefe Risse zeigen, sind viele – und vielleicht auch führende Köpfe aus Wirtschaft und Politik – offen für alternative Lösungen.

 

[1]     Chandra NAIR, ist Gründer und Direktor des „Global Institute for Tomorrow (GIFT) in Hongkong sowie Autor von „Der Große Verbrauch. Warum das Überleben des Planeten von den Wirtschaftsmächten Asiens abhängt“, München, V. Riemann, 2011. – Diese Zeilen sind ein Exzerpt (erstellt v. H.Rauch, em: esd.rauch@gmx.at) aus Chandra NAIR, Hongkong (publ. in LeMONDEdiplomatique, Januar 2015).